Wir wollen sie alle

Das Glas steht auf dem Bühnentisch. Daneben liegen ein paar große Steine, dazu stehen zwei Glasschalen bereit: eine mit kleineren Kieselsteinen, eine mit Sand. Der Zeitmanagement-Experte lächelt ins Publikum, als hätte er die Steine gerade erst entdeckt. Gleich zeigt er sein Kunststück.

Ich kenne es in- und auswendig. Stephen Covey hat es in seinem Buch Die 7 Wege zur Effektivität  in Umlauf gebracht. Die Zunft der Produktivitätsoptimierer führt es seither mit nimmermüdem Elan vor. Falls der Experte einen plötzlichen Ohnmachtsanfall auf der Bühne erleiden würde, könnte ich sofort einspringen und seine Vorführung nahtlos übernehmen.

Der Ablauf ist immer derselbe.

Akt eins: So machst du es falsch. Der Experte schüttet zuerst den Sand ins Glas, dann die Kieselsteine. Mit bedauerndem Kopfschütteln stellt er fest: „Ups, jetzt ist nicht mehr genug Platz für die großen Steine.“

Akt zwei: So machst du es richtig. Erst die großen Steine, dann die Kieselsteine, zuletzt der Sand, der wie von Zauberhand in die Zwischenräume rieselt. Alles passt. Selbstgewisses Lächeln, Applaus.

Dann kommt die Auflösung, mit Pathos verkündet: Wer das Wichtigste zuerst erledigt, bekommt alles in seinem Tagwerk unter, und sogar für den Kleinkram bleibt noch Luft. Wer hingegen seine Liste in der falschen Reihenfolge abarbeitet, kommt gar nicht erst zum Wichtigen.

Nach dem Applaus

Hier endet die Bühnenvorführung. Aber sie ist nur ein müder Taschenspielertrick. Der Experte hat ein paar große Steine mitgebracht, von denen er weiß, dass sie garantiert alle ins Glas passen. Das ist so, als ob jemand vorführen würde, wie mühelos sein Koffer zugeht, nachdem er die halbe Garderobe im Hotelzimmer gelassen hat.

Das eigentliche Problem beim Zeitmanagement lautet: zu viele große Steine, und die meisten schaffen es nicht einmal in die Nähe des Glases. Es gibt so viele Optionen, so viele große bunte Steine, und für jeden einzelnen gibt es gute Gründe. Da hilft der Rat des Zeitmanagement-Experten leider nicht weiter.

Die Reihenfolge der Befüllung hat der Experte zwar geklärt, aber eben für ein Glas mit einer überschaubaren Anzahl an Steinen. Was offenbleibt: Warum landen so viele Steine im Glas?

Die Antwort ist unbequem: Wir wollen sie alle. Stein für Stein. Und meist mit einem freundlichen Ja auf den Lippen.

Nehm ich auch

Was ich in Gesprächen mit Unternehmern und Führungskräften immer wieder höre, klingt so: Halbmarathon mit dem Team aus der Firma laufen? – Super Idee. Sitz im Beirat? – Ehrensache! Aufs Podium beim Branchenkongress? – Gerne! Haus mit großem Garten? – Gekauft! Kassenwart im Tennisclub? – Mach ich! Führungsposition? – Will ich! Ein Hund, den sich die Kinder so sehr wünschen? – Nehmen wir.

Aber jedes Ja hat ein Preisschild.

Du zahlst einen Preis, wenn du dich entscheidest, einen Halbmarathon zu laufen und Zeit in das damit verbundene Training zu investieren. Diese Zeit fehlt dir wiederum in anderen Rollen – beispielsweise in der Elternrolle, deiner Rolle als Führungskraft oder als engagiertes Mitglied im Tennisclub.

Gezahlt wird fast immer mit Lebenszeit. Die kalkuliert kaum jemand ein.

Die Pflege eines großen Gartens. Die Rolle als Kassenwart beim Tennisclub. Und gute Eltern sein. Und eine vorbildliche Führungskraft sein. Und das Training für den Firmenlauf. Und die nächste Beiratssitzung vorbereiten. Und die Argumentation fürs Podium vorbereiten. Ach ja, und der Hund muss auch noch Gassi gehen. Wer macht das eigentlich?

Hinter all dem steckt eine Verlockung. In einer Welt mit so vielen bunten, glänzenden Steinen ist es die Verlockung des ich-nehm-alles genau das, woran ein gelungenes Leben scheitern kann.

Die leichte Hälfte

Gleichzeitig ist es ein Selbsthilfeklischee, dass wir lernen müssen, besser Nein zu sagen. Also all die Dinge beherzt abzulehnen, die wir im Grunde nicht wollen. Das ist die leichte Hälfte. Will ich nicht? Alles klar, dieser Stein kommt nicht ins Glas.

Die schwere Hälfte sieht anders aus. Der Stein liegt schon in deiner Hand. Er ist groß, er glänzt, und du willst ihn haben. Für ihn sprechen die besten Gründe der Welt. Nur ist das Glas voll.

Und jetzt der Teil, den kein Zeitmanagement-Experte vorführt:

Wir müssen lernen, auch zu manchen Steinen, die wir wirklich haben möchten, Nein zu sagen. In dem Bewusstsein, dass wir nur ein Leben haben. Und dass uns keiner die Steine vorsortiert, wie es der Experte auf der Bühne tut.

 

 

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