Carrie Wells vergisst nichts. Die New Yorker Ermittlerin aus der Serie Unforgettable, die zur Zeit auf Netflix läuft, hat Hyperthymesie: Sie kann sich visuell an alles erinnern, was sie je gesehen hat, und sich beliebig in frühere Momente ihres Lebens zurückversetzen. Damit löst sie Fälle, in denen es kaum Anhaltspunkte gibt.
Bis auf eine Ausnahme: An den Tag, an dem ihre Schwester ermordet wurde, erinnert sie sich nicht.
Bei uns ist es umgekehrt. Wir vergessen ständig: Namen, Passwörter oder was in der Besprechung von letzter Woche beschlossen wurde.
Bis auf eine Ausnahme: Was uns vertraut geworden ist, vergessen wir nicht. Die Routinen und Überzeugungen, die wir übernommen oder uns angewöhnt haben, bleiben – auch dann noch, wenn sich die Umstände längst geändert haben. Sie sind die Chefin, die wir nie eingestellt haben. Und die nie kündigt. Kündigen müssen wir ihr selbst.
In meinen Vorträgen spreche ich häufiger darüber, wie Führungskräfte ihre Zeit priorisieren sollten.
- Erstens: Verantwortung dafür tragen, dass das Tagesgeschäft läuft.
- Zweitens: die Zukunft gestalten.
- Und drittens: die Vergangenheit selektiv vergessen.
Beim dritten Punkt, dem selektiven Vergessen, grinsen immer einige im Publikum. Dabei meine ich ihn absolut ernst.
Denn paradoxerweise wird die Fähigkeit zu vergessen, also eingeschliffene Routinen und scheinbar unumstößliche Überzeugungen wieder beiseitezulegen, in einer Welt, die sich in Lichtgeschwindigkeit verändert, zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor.
Vergessen heißt: dem Selbstverständlichen die Selbstverständlichkeit nehmen.
Wer hat das eigentlich entschieden?
Wer eine vermeintliche Selbstverständlichkeit lange genug mit sich herumträgt, hält sie irgendwann für die Realität selbst. Das ist ausgesprochen praktisch, denn Realität muss man nicht hinterfragen. Und so landet sie gar nicht erst auf der Liste dessen, was sich beiseitelegen ließe. In der Führung klingt das etwa so:
„Ein voller Kalender zeigt, dass ich gebraucht werde“, auch wenn er vor allem zeigt, dass für das Nachdenken kein Termin mehr frei ist.
„Wer führt, muss die Antworten haben“, auch wenn das Team dadurch verlernt, selbst welche zu finden.
„Strategie ist ein Plan für die nächsten fünf Jahre“, während sich der Markt längst schneller dreht als jeder Planungszyklus.
„Wer die Spielregeln beherrscht, gewinnt“, bis jemand mit einem neuen Geschäftsmodell auftaucht, der von diesen Regeln nie gehört hat.
Die wenigsten dieser Sätze sind bewusst gewählt. Viele sind abgeschaut, etwa beim ersten Chef, dessen Kalender immer voll war, oder bei der Vorgesetzten, die auf jede Frage sofort eine Antwort hatte. Andere haben unter früheren Bedingungen tatsächlich funktioniert. Woher auch immer sie kommen, irgendwann ist aus der Überzeugung eine Gewissheit geworden.
Selektives Vergessen beginnt deshalb mit Wachheit. Ich meine damit keinen Frühjahrsputz im Kopf: einmal gründlich durchfegen und dann ist Ruhe. Es geht vielmehr um eine Daueraufgabe: immer wieder im Alltag innezuhalten und wahrzunehmen, was du gerade denkst, sagst und tust. Erst so wird aus einem Automatismus wieder etwas, worüber sich entscheiden lässt. Bei mir war es beispielsweise eine unreflektierte Morgenroutine: Erst als ich vor einigen Jahren damit begann, jeden Morgen zu meditieren, fiel mir auf: Bis dahin hatte ich den Morgen immer mit einem Blick aufs Handy und auf meine Nachrichten begonnen. Es war eine bewusste Entscheidung, diese für mich nicht hilfreiche Routine beiseitezulegen.
Aber solange du den Moment, in dem ein Automatismus anspringt, nicht wahrnimmst, gibt es keine Wahl. Dann denkst und handelst nicht du, sondern dann denkt und handelt die Chefin von damals durch dich – und zwar ohne dass du es selbst überhaupt bemerkst.
Selektives Vergessen heißt nicht, eine alte Routine gegen eine neue auszutauschen. Die wäre nach ein paar Wochen genauso eingeschliffen, nur mit besserem Gewissen.
Hier beginnt Selbstführung.
Carrie Wells kann jeden früheren Moment so sehen, als wäre sie noch einmal dort. Bewusstes Vergessen braucht den umgekehrten Blick: das Vertraute so zu sehen, als wäre es das erste Mal.
Was du wahrnimmst, kannst du vergessen.
Was du nicht wahrnimmst, führt an deiner Stelle.
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