Wachstum klingt gut. Vor allem, solange man dafür nichts aufgeben muss.
Ein Hummer könnte dazu einiges erzählen.
Er wächst, indem er sich häutet. Sein Panzer wird irgendwann zu eng, also muss er ihn abstreifen, um weiterwachsen zu können. Klingt nach einem erstaunlich pragmatischen Wachstumsmodell. Der Haken: Ohne den alten Panzer ist der Hummer eine Weile komplett schutzlos, bis der neue gewachsen und ausgehärtet ist. Für seine Fressfeinde heißt das vor allem eins: Mittagessen.
Der Hummer muss seinen Schutz also genau dann aufgeben, wenn er ihn am dringendsten braucht.
Eine Alternative gibt es. Sie heißt: nicht mehr wachsen.
Dieses Dilemma kennen auch wir Menschen. Vertraute Wege, alte Gewissheiten und Vorstellungen davon, wie unser Leben aussehen sollte, können irgendwann zu eng werden. Das, was uns lange Halt und Orientierung gegeben hat, passt plötzlich nicht mehr. Wir merken, dass sich etwas ändern muss. Doch zunächst versuchen wir, das Bestehende wieder passend zu machen. Hier eine Stellschraube, dort eine kleine Korrektur. In der Hoffnung, dass wir um den großen Schritt herumkommen.
Ich kenne das gut. Allen großen Veränderungen in meinem Leben ging das Gefühl voraus, dass etwas nicht mehr stimmte. Und ja, eine ganze Weile lang lässt sich vieles zurechtbiegen. Aber irgendwann hilft auch das beste Improvisieren nichts mehr.
Solche Brüche gab es in meinem Leben mehrfach: Etwa beim Wechsel von der angestellten Managerin in einer großen Unternehmensberatung in die Selbständigkeit. Später, als mein Mann und ich uns erst privat und kurz darauf auch beruflich trennten. Dann mein Umzug nach Hamburg, 600 Kilometer von meinem bisherigen Zuhause entfernt. Ich mochte Hamburg. Ich kannte dort nur kaum jemanden.
Das waren verletzliche Momente. Die alte Haut war abgelegt, die neue noch nicht da.
Wie es weitergehen würde? Offen.
Wenn die alte Haut zu eng wird
Die alte Haut abzustreifen heißt, genau das aufzugeben, was uns bisher Halt gegeben hat. Das wird schnell existenziell. Kein Wunder, dass viele versuchen, die alte Haut zu konservieren. Also wird eine Mauer aus Argumenten hochgezogen: Ausgerechnet jetzt geht es leider nicht. Wenn die Kinder erst aus dem Haus sind … Wenn es im Job wieder etwas ruhiger wird … Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist … Der ist erstaunlich zuverlässig. Er kommt nie.
Hinter den Argumenten, die im Kern Schutzbehauptungen sind, steckt eine fundamentale Verwechslung: Wir halten unseren Erfahrungshorizont für unseren Möglichkeitshorizont.
Was wir bisher erlebt haben, prägt unsere Vorstellung davon, was möglich sein könnte. So wird der eigene Erfahrungshorizont zum Maßstab für das, was wir uns zutrauen und für erreichbar halten. Das hat durchaus Charme: Was wir uns nicht vorstellen können, müssen wir auch nicht ausprobieren.
Doch dabei übersehen wir, dass die Grenzen unserer Vorstellung nicht zwangsläufig die Grenzen unserer Möglichkeiten sind. Was jenseits unseres Erfahrungshorizonts liegt, entdecken wir erst dann, wenn wir uns auf den Weg machen.
Aufbruch ohne Navigationshilfe
Wenn dann die Erkenntnis reift, dass der Ist-Zustand trotz allen Zurechtvernünftelns nicht mehr zu halten ist, kracht die Veränderung mit voller Wucht in unser Leben. Und plötzlich stellt sich die nächste Frage: Wie um Himmels willen geht es jetzt weiter?
Am liebsten hätten wir jetzt ein Navi, das jeden Schritt vorausberechnet. Dazu jede Menge TripAdvisor-Bewertungen, am besten von Leuten, die genau diesen Weg schon gegangen sind: „Übergangsphase anstrengend, Ausblick am Ende top. Ein Stern Abzug für die schlaflosen Nächte.“
Doch egal wie gut wir uns auch vorbereiten – irgendwann müssen wir losgehen. Dieser Moment wird aber gern hinausgezögert. Das scheint mir auch in Deutschland weit verbreitet. Wir möchten möglichst viele Risiken ausschließen, bevor wir handeln. Für Entwicklungsreisen gibt es aber leider keine Vollkaskoversicherung. Am Ende bleibt nur der Schritt ins Ungewisse.
Die Lyrikerin Hilde Domin hat das in einem Satz wunderbar auf den Punkt gebracht: „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug.“
Führen, ohne den Weg exakt zu kennen
Was für uns persönlich gilt, gilt auch für Führungskräfte – mit einer entscheidenden Besonderheit: Von ihnen wird erwartet, dass sie anderen Orientierung geben und Sicherheit vermitteln, obwohl sie selbst nicht wissen können, wie die Reise ausgeht. Gleichzeitig sollen sie Veränderungen gestalten, deren Ausgang offen ist. Eine paradoxe Erwartung, die sich nicht einfach auflösen lässt.
Dieser Widerspruch zeigt sich auch in einem verbreiteten Vorgehen in Organisationen: Veränderung wird behandelt, als ließe sie sich bis ins Detail planen. Die Reise wird in handliche Meilensteine zerlegt, die Zielerreichung in einen festen Quartalsplan gezurrt.
Doch die Veränderung hat den Quartalsplan leider nicht gelesen. Entscheidendes wird erst unterwegs sichtbar. Und nicht jede Schwierigkeit ist ein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft.
Führung bedeutet deshalb auch, den eigenen Fuß in die Luft zu setzen, ohne zu wissen, ob sie trägt – und gerade darin anderen Orientierung zu geben.
Nochmal zurück zum Hummer. Ist sein neuer Panzer ausgehärtet, hat er es geschafft. Bis auch dieser zu eng wird.
Auch wir brauchen Schutz und Halt, um nach tiefgreifenden Veränderungen wieder Fuß zu fassen. Permanente Veränderung hält kein Mensch aus. Diese Stabilität ist hart erarbeitet. Verständlich, dass wir sie mit dem Ziel verwechseln.
Tatsache aber ist: Sie ist nur eine Etappe. Denn mit jeder Veränderung verschiebt sich, was wir für möglich halten. Und damit auch, was wir uns zutrauen.
Wenn wir es denn zulassen.
Du willst keinen Beitrag mehr verpassen?
Newsletter hier kostenlos abonnieren. Kein Spam. Kein Blabla. Nur frische Gedanken.




