Den Fehlschlag entgiften – Wie wir Fehler neu bewerten müssen
Ja, es stimmt: Ich habe in meinen Büchern schon gefühlt hundertmal darüber geschrieben. Und ich weiß auch, dass du es längst verstanden hast.
Was ich meine: Wenn etwas schiefläuft in einem typischen Projekt in einer typischen Organisation, dann ist die typische Reaktion der typische ausgefahrene Suchfinger: WER hat das gemacht? WER ist der Schuldige?
Klar weißt du, dass das keine vernünftige Fehlerkultur ist. Natürlich hast du längst kapiert, dass eine solche Reaktion die Angst vor Fehlern erhöht und dass nichts innovationsfeindlicher ist, als die Angst vor Fehlern. Dir ist längst klar, dass es darum geht, aus Fehlern zu lernen und nicht sie zu bestrafen, denn eine Organisation, in der sich niemand etwas traut, ist wettbewerbstechnisch gesehen tot.
ABER: Da draußen ist dieses Thema eben noch immer die ganz große Nummer. Denn obwohl es alle verstanden haben, gibt es noch immer ein riesiges Umsetzungsdefizit. Oder um es mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu sagen:
Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.
Angst ist der Schlüssel – warum Fehler so weh tun
Wer einen Fehler macht, sieht schlecht aus. Einen Bock zu schießen, das ist die Karrierebremse Nummer eins! Der Satz „aus Schaden wird man klug“ hält bei aller Einsicht dem Realitäts-Check in den meisten Unternehmen einfach nicht stand. Fehler machen in Wahrheit unattraktiv, Fehler sind in Wahrheit teuer, Fehler sind in Wahrheit nicht gewollt, Fehler soll in Wahrheit keiner machen. DAS ist die herrschende Doktrin in den meisten Unternehmen – und alles andere sind schöne Sonntagspredigten.
Es ist also ganz offensichtlich alles andere als einfach, dem Fehlschlag den Stachel zu ziehen.
Meine Frage ist darum:
Wie kann ich GANZ KONKRET eine innovationsfreundliche, sinnvolle, praktikable Fehlerkultur errichten?
Die Antwort: Innovationskultur ist kein Ratgeberthema – Das heißt: Es gibt kein Patentrezept! Ich weiß nicht, wie es ausgerechnet in deiner Organisation funktionieren wird. Ich kann es gar nicht wissen.
Angst ist der Schlüssel – warum Fehler so weh tun
Innovationskultur ist kein Ratgeberthema. Es gibt kein Patentrezept, keine Checkliste, keine Garantie.
Aber zwei Denkanstöße helfen dir, deine eigene Version einer angstfreien Fehlerkultur zu entwickeln.
Denn der Widerstand gegen eine experimentierfreudige Innovationskultur ist nicht rational, sondern emotional.
Fehler tun weh. Sie kratzen am Ego. Und sie bringen selten Anerkennung.
Was also tun?
1. Differenziere Fehlschläge – clever vs. dumm
Während Erfolge leicht zu erkennen sind, ist der Umgang mit Fehlschlägen oft unscharf.
Definiert daher klar, was ein „cleverer“ Fehlschlag ist – und was ein „dummer“.
- Clevere Fehlschläge sind lehrreich, mutig, notwendig, intelligent und wertvoll.
- Dumme Fehlschläge sind vermeidbar, fahrlässig, unüberlegt und teuer.
Ein Beispiel:
Eine neue Produktidee war gut geplant, aber floppt bei den Testkunden.
Das ist ein cleverer Fehlschlag – lehrreich und wertvoll.
Stellt euch im Team folgende Fragen:
- Was macht bei uns einen „cleveren Fehlschlag“ aus?
- Welche Beispiele können wir teilen?
- Wie sieht ein „dummer Fehlschlag“ bei uns aus – und wie vermeiden wir ihn?
So entsteht Klarheit und Sicherheit im Umgang mit Risiken.
2. Belohne clevere Fehlschläge – sozial, nicht finanziell
Und zwar zusätzlich zu den Innovationserfolgen! Das ist eine sehr wirksame und nachhaltige Botschaft an alle, die unterstreicht, welches Verhalten erwünscht und gewollt ist.
Mit „belohnen“ meine ich übrigens nicht Boni oder Prämien. Warum ich Individualprämien ablehne, darüber habe ich hier geschrieben. Viel wirksamer ist eine Form von sozialer Anerkennung. Ein prägnantes Beispiel dafür kommt vom indischen Mischkonzern Tata:
Im Rahmen des „Innovista-Programms“ werden dort jährlich die besten Innovationen und die smartesten Fehlschläge ausgezeichnet. Letztere werden mit dem sogenannten „Dare to try award“ prämiert.
Im Jahr 2007, dem ersten Jahr dieser Idee, gab es in dieser Kategorie gerade mal zwölf Teams, die sich um den „Dare to try award“ beworben haben. Das typische Zögern …
Aber dann kam der Moment, der sehr viel in Bewegung gebracht hat: Ratan Tata, der damalige CEO, kam auf die Bühne und gratulierte den Gewinnern des Innovationspreises ebenso wie den Gewinnern des „Dare to try awards“. Beides in einem Zug. Er stellte damit die smarten Fehler symbolisch mit den Erfolgen auf eine Stufe. Das ist eine mächtige Botschaft!
Sieben Jahre später hat sich die Zahl der Teams, die sich um diesen Preis beworben haben, mehr als vervierzehntfacht! Die öffentliche Gratulation hat enorm dazu beigetragen, dass sich die Wahrnehmung der „cleveren Fehlschläge“ im Unternehmen gewandelt hat.
Der dümmste Fehler ist, keine Fehler zuzulassen
Die Wechselwirkung ist klar:
- Belohnung cleverer Fehlschläge fördert Risikobereitschaft.
- Mehr Risikobereitschaft erzeugt mehr Innovation.
- Mehr Innovation stärkt Zukunftsfähigkeit.
Also: Alle wollen innovativ sein. Aber nur wenige Organisationen tolerieren Fehlschläge. Und nur wenige Organisationen haben eine echte Lernkultur, die Fehler als Lern- und Wachstumschance anerkennt. Es gibt aber keine Innovationskultur, die diesen Namen auch verdient, wenn Fehlschläge verboten sind.
Wer ein Innovator sein will, der muss seine Leute so entwickeln, dass sie im Schlaf herunterbeten können, was einen cleveren Fehler von einem dummen Fehler unterscheidet. Und es muss gelingen, den Mitarbeitenden die soziale Anerkennung für die gewünschten, cleveren Fehlschläge zu geben, die sie verdienen
Fazit: Ein Experiment, das scheitert, ist kein Fehler. Es hat bloß nicht das gewünschte Ergebnis gebracht.
Wir können im Vorhinein oft gar nicht wissen, was richtig und was falsch ist. Dennoch müssen wir etwas tun. Dementsprechend ist der Fehlschlag, den wir verkraften müssen, gar kein Fehler im eigentlichen Sinn, sondern ein misslungenes Experiment. Ein gescheiterter Versuch. Ein fehlgeschlagener Test, der jede Menge Informationen darüber liefert, was nicht funktioniert und was stattdessen funktionieren könnte. Gleichzeitig gilt aber auch: Schnelle Lernzyklen einzubauen und Fehlschläge und die daraus resultierenden Lehren sichtbar zu machen. Nur so entsteht Raum für mutiges Denken.
Der dümmste Fehler? Aus Angst vor dem Fehler nichts zu riskieren.



