Wir erklären Maschinen, wie wir ticken.
Menschen sollen es selbst herausfinden.
Ich sitze am Laptop und erkläre Claude, wer ich bin. Mein beruflicher und akademischer Background. Meine Erfahrungen. Meine Überzeugungen. Was mich antreibt, was mich nervt. Meinen Persönlichkeitstyp.
Geduldig. Ausführlich.
Dabei fällt mir auf: Ich erkläre einer Maschine mehr über mich, als ich den meisten Menschen je erzählt habe.
Ich höre das auch in Gesprächen mit Führungskräften, die erkannt haben, dass die Künstliche Intelligenz nur dann richtig gut arbeitet, wenn sie Kontext bekommt. Also Wissen hat über mich als Person, meinen Job, meinen Arbeitsstil, meine Präferenzen und Abneigungen. Wie ich kommuniziere, strukturiere und Entscheidungen treffe. Und auch das, was hinter der Außenansicht liegt: Wie reagiere ich beispielsweise, wenn es überhaupt nicht rund läuft? Fällt es mir schwer, um Hilfe zu bitten? Wie gehe ich mit Fehlern um?
Je mehr Kontext, desto differenzierter die Antworten. Geduld beim Feedback zahlt sich aus. Die Ergebnisse werden auf lange Sicht besser. Wer sich die Mühe macht, der KI wirklich etwas über sich zu erzählen, merkt: Die KI kennt dich irgendwann besser als mancher Kollege.
Total verrückt. Und leider zutreffend.
Was die KI bekommt und Menschen nicht
Das, was die KI besser arbeiten lässt, ist genau das, was wir unserem Umfeld eher selten geben. Die Konsequenz: Es braucht Jahre, bis andere herausfinden, wie wir wirklich ticken.
Was heißt es, wenn der andere von dir hört: „Ist schon in Ordnung“? Heißt das: „Boah, nerv mich nicht!“ Oder: „Erledigt. Weiter mit dem nächsten Punkt.“? Sollte der andere besser kurz nachfragen? Oder gerade nicht? Was ist ratsam?
Oder was bedeutet es, wenn dich jemand im Gespräch nicht anschaut? Langeweile? Unbehagen? Eine Meinung, die dein Gegenüber lieber für sich behält, weil es kulturell so geprägt ist, dass Widerspruch als unhöflich gilt?
Das ist Beziehungsblindflug. Und dann beginnt etwas, das bei Licht betrachtet veritabler Irrsinn ist: Man versucht, die andere Person mit Hilfe von impliziten Annahmen zu „dechiffrieren“. Das Ergebnis: eine Interpretationsgemeinschaft, die sich für ein Team hält. Statt Klarheit gibt es ein Grundrauschen an Missverständnissen, das sich hätte vermeiden lassen. Wenn man nur geredet hätte.
Absurder geht es kaum: Je mehr wir der KI über uns erzählen, desto besser das Zusammenspiel auf lange Sicht.
Wann begreifen wir, dass dasselbe für das Miteinander mit Kollegen, Mitarbeitenden und Führungskräften gilt? Und ja, auch für die Paarbeziehung, die Familie und Freundschaften.
Der KI-Fragebogen für Menschen
Warum also nicht denselben Fragebogen, den wir mit der KI abarbeiten, auch mit unserem Umfeld teilen? Hier meine abgespeckte Version. Kein Pflichtprogramm, sondern ein Anfang:
- Das ist mein Persönlichkeitstyp
(Tests, die ich erhellend fand: MBTI, CliftonStrengths und PrinciplesYou. Letzterer ist kostenlos). - So ist mein Kommunikationsstil
- Diese Dinge sind mir wichtig für ein gutes Miteinander
- Das bringt mich garantiert auf die Palme
- So werde ich oft missverstanden
- Das brauche ich, um mein Potenzial in der Zusammenarbeit am besten zu entfalten
Ich habe dieses Vorgehen gerade mit einem Berater getestet, der für mich arbeitet. Hier mein Input für ihn:
- Ich bin ein ENTJ laut Myers-Briggs. Das heißt: eine starke Affinität zu Logik und zu Kreativität. Oder um mein Ergebnis-Chart zu zitieren: Der scharfe Verstand der ENTJs ist immer auf der Suche nach Möglichkeiten, es schneller, besser und stärker zu machen. Das stellt Ansprüche an mein Umfeld. Ich weiß, ich weiß.
- In der Zusammenarbeit bevorzuge ich schnelle und direkte Kommunikation über einen einzigen Kanal. Bitte nicht zwischen Kanälen hin- und herspringen.
- Eine Zusammenarbeit, die nur das umsetzt, was ich vorschlage, ist für mich wertlos. Der beste Beitrag, den jemand leisten kann, ist nicht stumpfe Ausführung, sondern kluge Reibung.
- Unzuverlässigkeit. Deadlines, die nicht eingehalten werden. Ideen, die halbgar präsentiert werden, weil jemand nicht zu Ende gedacht hat. Das macht mich stinksauer.
- Ich gebe Feedback ohne Umschweife und ohne watteweiche Auspolsterung.
- Ich brauche einen Sparringpartner, der mitdenkt und mich darauf hinweist, wenn ich falsch liege.
Der einzige Haken
Eine solche Offenheit braucht Selbstehrlichkeit. Und es braucht die Bereitschaft, das Gedachte tatsächlich auszusprechen. Im Team. Und genauso in der Partnerschaft. In der Familie.
Der erste Schritt ist nicht kompliziert. Er ist nur ungewohnt. Wer für sein Team einen konkreten Einstieg sucht: die Gesprächskarten von Esther Perel. Die Psychotherapeutin ist eine der berühmtesten Paartherapeutinnen der Welt.
Nun mag man einwenden: Paartherapie? Wir sind ein Team in einem Unternehmen, das mehr Klarheit will. Ganz genau: Perel überträgt Prinzipien der Paar- und Familientherapie auf Organisationen.
Die Karten sind ein Gesprächsöffner und eine Einladung, sich wirklich kennenzulernen. Nicht oberflächlich, sondern so, wie man es selten tut.
Also: Erkenntnisse garantiert.
Ganz ohne KI.
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