Der nahe Feind

„Halte deine Freunde nah bei dir und deine Feinde noch näher.“

Dieses ikonische Zitat stammt aus dem Mafiafilm Der Pate. Klingt lebensklug: Behalte deine Gegner im Blick, dann überraschen sie dich nicht.

Im Frühjahr war ich auf Sizilien, wo Marlon Brandos nachdenklicher Blick mich mit einer Penetranz verfolgte, die selbst die echte Mafia bewundert hätte. Das Konterfei des Paten ist allgegenwärtig auf Espressotassen, Küchenschürzen und T-Shirts. Eine Insel als Souvenirshop einer Filmfamilie, deren Geschäft darin bestand, Schutzgeld zu erpressen und Konkurrenten gewaltsam aus dem Weg zu räumen.

Zurück zum Rat des Paten, die Feinde sehr nah bei sich zu halten. Der Satz klingt einleuchtend, nur schaut er in die falsche Richtung. Der übersehene Feind sitzt nicht irgendwo da draußen, sondern in dir selbst.

Für diesen Feind gibt es einen Namen und ein Konzept aus der buddhistischen Lehre, hinter dem ein augenöffnender Gedanke steckt: Jede Tugend oder weltlicher ausgedrückt – jede gute Eigenschaft – hat zwei Feinde: den fernen und den nahen Feind.

Der ferne Feind ist das direkte Gegenteil der guten Eigenschaft und in der Regel leicht zu erkennen und leicht zu meiden. Was das Problem ist: Der nahe Feind. Er sieht der guten Eigenschaft zum Verwechseln ähnlich und ist doch ihr Gegenteil. Vier davon sind besonders weit verbreitet und deshalb lohnt sich ein genaues Hingehen.

Los geht‘s.

1. Der nahe Feind des Engagements

Engagement gilt als Tugend. Wer mit Tatkraft dabei ist und Dinge bewegt, gilt als zupackend und umsetzungsstark. So weit, so einleuchtend. Nun zu den Feinden dieser Tugend:

Der ferne Feind des Engagements ist die Faulheit. Die erkennt jeder und lehnt sie ab — jedenfalls jeder mit einem Gefühl dafür, dass Lasten und Pflichten fair verteilt werden sollten.

Der nahe Feind ist schwieriger zu erkennen. Dieser Feind kommt getarnt als pausenlose Geschäftigkeit und sieht aus wie Engagement: Arbeitstage vollgepackt mit Besprechungen, Tasks, Mails und allem, was sich als super wichtig und dringlich reindrängelt. Zeitdruck, ständige Ablenkung und das Diktat der Dauererreichbarkeit sind die Begleitmusik. Dabei bleibt Entscheidendes auf der Strecke: Tiefes Nachdenken, kreatives Verknüpfen und kritisches Hinterfragen des Status quo. Beschäftigt sein und wirksam sein sind zweierlei – man muss nur hinsehen.

Busy is the new stupid..

2. Der nahe Feind der Disziplin

Disziplin ist eine Tugend. Den inneren Schweinehund im Griff zu haben, dranzubleiben, wenn es unbequem wird, gilt als Charakterstärke.

Der ferne Feind der Disziplin ist die Zügellosigkeit, ein Verhalten, bei dem man seinen Trieben, Wünschen oder Leidenschaften ohne jede Selbstkontrolle nachgibt. Es braucht kein Diplom in Psychologie, um diesen fernen Feind zu erkennen.

Der nahe Feind kommt hingegen in geschickter Verpackung und tarnt sich als Prinzipientreue. Er trägt dasselbe Gesicht wie Disziplin, ist aber im Kern Rigidität. Ein witziges Beispiel dazu habe ich gerade im Kino gesehen: The Invite ist eine Komödie über zwei Paare. Piña, dargestellt von der großartigen Penelope Cruz, ist mit ihrem Partner zum Dinner bei dem anderen Paar eingeladen und stellt sofort mit Blick auf den reich gedeckten Tisch klar: „For me no gluten, no dairy, no meat, no sugar.“ Und zwar in einem Ton, der keinen Zweifel daran lässt, was sie von den bedauernswerten Geschöpfen hält, die sich an so ein Regelwerk nicht halten. Disziplin trägt dich durch den Alltag. Rigidität braucht ein Publikum.

Wer starr wird, macht dicht. Er stülpt seine Regel über jeden und alles und entzieht sich der Zumutung, andere Sichtweisen überhaupt zuzulassen.

Busy is the new stupid..

3. Der nahe Feind der Fürsorge

Fürsorge ist eine Tugend. Gemeint ist die aktive Zuwendung zu einem Menschen, um dessen Wohlbefinden und seine Entwicklung zu stützen. Sie ist ein Fundament für Vertrauen und Bindung.

Der ferne Feind der Fürsorge ist die Gleichgültigkeit. Ein Beispiel aus dem beruflichen Kontext wäre der Chef, dem es gleichgültig ist, wie es seinen Leuten geht: „Persönliche Befindlichkeiten gehören hier nicht hin. Arbeit ist Arbeit.“ Leicht zu erkennen als das, was es ist: emotionale Kälte, die sich für Professionalität hält.

Der nahe Feind kommt vollkommen anders daher, als Dauer-Kümmern. Nicht kalt, sondern übergriffig warm. Der Kümmerer hilft. Immer. Er beantwortet jede Frage, liefert bei jedem „Was soll ich, wie soll ich …?“ die passende Hilfestellung. Eine waschechte Paradoxie: Unterzuständigkeit wird aktiv gefördert, während gleichzeitig das Klagelied angestimmt wird, dass man „alles selbst machen müsse, weil es kein anderer tut.“ Kümmerer produzieren Verkümmerte.

Wer alles abnimmt, hält die anderen klein. Das Dauer-Kümmern erspart die erwachsenere Fürsorge, die zurücktritt, die Fragen zurückgibt und aushält, dass der andere erst einmal ringt und den eigenen Lösungsweg sucht.

4. Der nahe Feind der Sorgfalt

Sorgfalt ist eine Tugend. Wer genau arbeitet, wer nicht schludert, wer ein Ergebnis erst aus der Hand gibt, wenn es wirklich gut ist, auf den ist Verlass.

Der ferne Feind der Sorgfalt ist die Schlamperei. Halbe Sachen, hingeworfen, Hauptsache weg. Erkennt jeder, ärgert jeden.

Der nahe Feind der Sorgfalt kommt im Kleid der Perfektion. Sieht aus wie Sorgfalt, nur akribischer, detailversessener, kompromissloser. Im Kern ist Perfektion etwas anderes: ein Verteidigungsmechanismus, der vor Kritik schützen soll.

Ich sehe es bei mir, wenn ich schreibe. Jeder Text lässt sich endlos überarbeiten, aber ab einem bestimmten Punkt wird jede Überarbeitung nur noch unproduktiver. Das ist der Zeitpunkt, an dem „es ist gut so, wie es ist“ die richtige Antwort ist. Nur fällt das dem Perfektionisten am schwersten.

Der Preis: Wer auf Perfektion setzt, statt auch das „gut genug“ zu akzeptieren, steht sich selbst im Weg. Du glaubst, dich vor Fehlern zu schützen und stellst dabei den Prozess über das Ergebnis. Aber dem Empfänger ist der Prozess letztlich egal, er will einfach das Ergebnis. Diese Diskrepanz frustriert beide Seiten und verhindert den Erfolg.

Urteilskraft: das Beste in dir im Blick behalten

Den fernen Feind sehen wir klar und deutlich. Er ist so offensichtlich, dass wir uns wehren. Der nahe Feind täuscht uns, weil wir ihn mit Stolz tragen. Erkennen lässt er sich trotzdem an dem, was er auslöst.

Du vertraust beispielsweise jemandem etwas Verletzliches an, und statt Mitgefühl bekommst du Mitleid. Die Person wirkt, als ob sie es gut meint und dennoch sträubt sich alles in dir, ohne dass du den Finger drauflegen kannst. Mitleid tarnt sich als Freundlichkeit und fühlt sich doch falsch an.

Genauso tückisch ist es, wenn du selbst den nahen Feind aussendest, ohne es zu merken. Du gibst den Textentwurf deines Teams zum fünften Mal in die Korrekturschleife und feilst noch beim sechsten Anlauf an Details. Du hältst es für Sorgfalt und dein Team verdreht entnervt die Augen. Wenn dich jemand darauf anspricht, wirst du defensiv: Du willst es doch nur gut machen. Dabei ist es längst nicht mehr Sorgfalt, sondern ihr naher Feind.

Reife heißt nicht, noch tugendhafter zu werden. Sie beginnt mit Urteilskraft: genauer hinsehen und wach genug sein, um zu merken, wann das Beste in dir anfängt, jemandem im Weg zu stehen.

Meistens dir selbst.

 

Werbebanner: Vortrag 'Vergeude keine Krise' von Anja Förster – in roter Jacke neben gelbem Textfeld mit Button für mehr Infos

 

 

Du willst keinen Beitrag mehr verpassen?

Newsletter hier kostenlos abonnieren. Kein Spam. Kein Blabla. Nur frische Gedanken.

 

></p>
		</div>

		
		
		
		
		<nav class=

Vorheriger Beitrag Der Preis der guten Stimmung