Der Preis der guten Stimmung

„Unsere Kultur ist sehr harmonisch.“

Klingt gut. Aber Harmonie kann auch ein anderer Satz sein für: Bei uns spricht niemand aus, was wirklich schiefläuft.

Dieser Satz über die eigene Kultur fiel in einem Briefinggespräch mit einem Vorstand. Und genau deshalb wurde ich hellhörig. Harmonie kann vieles bedeuten: Reife, Vertrauen und gelingende Zusammenarbeit. Sie kann aber auch bedeuten: Niemand spricht unangenehme Wahrheiten an.

Dann wird aus dem Wunsch nach harmonischer Zusammenarbeit das Ideal der Störungsfreiheit. Reibung und Konflikte werden unter den Teppich gekehrt, anstatt sie offen anzusprechen.

Das Blöde daran: Die Konfliktlinien hören nicht auf zu existieren. Sie werden bloß unter die Oberfläche gezogen, wo sie weiter gären – bis sie als offene Eskalation zurückkehren.

Die Harmoniefalle

Eine harmonische Kultur klingt sympathisch. Man will keine Unruhe erzeugen, niemanden verletzen, niemandem den Tag verderben. In dem Schonenwollen steckt jedoch eine verquere Fürsorglichkeit: Man traut dem anderen nicht zu, eine unangenehme Wahrheit auszuhalten. Also sagt man sie nicht. Oder erst viel zu spät. Oder so watteweich verpackt, dass sie nicht mehr zu erkennen ist. Statt Klarheit entsteht eine Weichzeichner-Wirklichkeit, in der nichts zutage treten soll, was erschrecken, schmerzen oder irritieren könnte.

An dieser Stelle wird die Arbeit von Kim Scott, ehemalige Google-Managerin und Autorin von Radical Candor, hilfreich. Sie hat ein Feedbackmodell entwickelt, das eine Spannung sichtbar macht, der sich Führung nicht entziehen kann. Gute Führung braucht zwei Aspekte gleichzeitig: Persönliche Wertschätzung und direkte Herausforderung.

Das gilt nicht nur im Beruf. Auch in Partnerschaften, Freundschaften und Familien zeigt sich, ob wir offen sprechen können, ohne zu verletzen und zugewandt bleiben, ohne Wesentliches zu verschweigen. Das Modell ist deshalb nicht nur für Führungskräfte aufschlussreich. Es berührt eine Grundfrage jeder tragfähigen Beziehung.

Also, los geht’s: Das Radical Candor‘ Modell beginnt mit zwei unbequemen Fragen:

  • Bin ich wertschätzend genug, damit Klarheit nicht demütigt?
  • Und bin ich klar genug, damit Wertschätzung nicht zur Ausrede wird, unangenehme Wahrheiten zu verschweigen?

Wie Führung Klarheit verfehlt

1. Gefällige Freundlichkeit

Gefällige Freundlichkeit ist ebenso weit verbreitet wie tückisch. Man sagt „Passt schon“, selbst wenn die Präsentation der betreffenden Person unterirdisch war oder das Verhalten im Meeting schwierig oder die Leistung einfach nicht ausreicht. Und auch privat heißt es oft: lieber beschwichtigen oder wegschauen als aussprechen, was wirklich stört.

Das ist keine Wertschätzung, sondern unterlassene Klarheit im Namen der Harmonie.

Die Konsequenz: Die Person macht weiter wie bisher. Sie hat ja keine Ahnung, dass sie etwas verändern sollte. Die Umgebung leidet still. Die Führungskraft sammelt innerlich Belege. Und irgendwann ist aus einem korrigierbaren Verhalten ein echtes Problem geworden.

Dann heißt es im Unternehmen: „Wir müssen jetzt mal offen reden.“

Und privat: „Wir müssen über uns reden.“

2. Rücksichtslose Direktheit

Wäre es also besser, die Rückmeldung an die andere Person einfach rauszuhauen? Frei nach dem Motto: Sagen, was ist. Direkt und schnörkellos, aber ohne echtes Interesse am Gegenüber und ohne Respekt.

Man klebt das Etikett „Ich bin eben ehrlich“ drauf und übersieht dabei, dass die „Ehrlichkeit“ zur Demütigung wird. Das erzeugt keine Einsicht, sondern Abwehr und Rückzug.

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat es mal so auf den Punkt gebracht: „Wenn du glaubst, etwas als Wahrheit erkannt zu haben, so halte es dem anderen hin wie einen Mantel, in den er hineinschlüpfen kann, schlage es ihm aber nicht wie ein nasses Handtuch um die Ohren.“

Direktheit, die als nasses Handtuch um die Ohren geklatscht wird, ist keine Ehrlichkeit. Sondern ein Schlag ins Gesicht.

3. Manipulative Unaufrichtigkeit

Das Kennzeichen der manipulativen Unaufrichtigkeit: Man sagt nicht offen, was wirklich los ist. Mit echtem Lob wird ebenso gespart wie mit klarer Kritik – nicht aus Rücksicht, sondern aus taktischem Kalkül.

Alle geben sich professionell. Und trotzdem weiß niemand so recht, woran man eigentlich ist. Wo Klarheit fehlt, wächst die Hinterzimmerkommunikation. Es wird nicht geführt. Es wird taktiert.

4. Und eine Form, die hilft

Und dann gibt es die reife Form. Kim Scott nennt sie „Radical Candor“. Ich würde es so übersetzen: Wertschätzung plus Herausforderung.

Nicht nett um der Harmonie willen.

Nicht hart um der Durchsetzung willen.

Nicht manipulativ um der Taktik willen.

Sondern klar, weil Entwicklung sonst nicht möglich ist.

Wer Menschen wertschätzt, mutet ihnen Wahrheit zu. Rechtzeitig. Konkret. Ohne Demütigung.

Nicht: „Du bist schwierig.“
Sondern: „In der Diskussion heute hast du drei Einwände abgewürgt, bevor sie überhaupt ausformuliert waren.“

Nicht: „Deine Präsentation war schlecht.“
Sondern: „Deine Argumentation war an zwei Stellen nicht belastbar. Da ist der Kunde ausgestiegen.“

Das ist der Unterschied. Wertschätzung plus Herausforderung macht nicht kleiner. Sie macht genauer. Sie trennt Person und Verhalten. Sie beschreibt Beobachtbares. Sie kommt früh genug, damit Veränderung möglich ist.

Orientierung, solange sie noch etwas ändern kann

Kim Scott benutzt für diese Form der Führung ein Wort, das ich sehr treffend finde: Guidance.

Das wird in der deutschen Übersetzung oft mit Feedback übersetzt oder gleichgesetzt. Diese Übersetzung hinkt allerdings.

Feedback ist zunächst einmal eine Rückmeldung. Und die gibt es heute in vielen Organisationen deutlich häufiger als früher. Gerade jüngere Mitarbeitende erwarten regelmäßige Orientierung und fordern sie auch ein.

Gleichzeitig ist das offizielle Verständnis von Feedback vielerorts noch immer stark vom Jahresgespräch geprägt. Von einem Termin, bei dem noch einmal durchleuchtet wird, was längst in der Vergangenheit liegt, was vielleicht nicht funktioniert hat oder besser hätte laufen sollen. Feedback kommt häufig dann, wenn sich der Eindruck bereits verfestigt hat und der Schaden längst im Raum steht.

Guidance ist etwas anderes und auf Deutsch vielleicht am besten mit zwei Begriffen zu übersetzen: Orientierung + Führung.

Guidance gibt Richtung. Rechtzeitig. Im laufenden Prozess. Solange Orientierung noch etwas ändern kann. Das ist der Unterschied zwischen Feedback und Guidance.

  • Feedback macht Wahrnehmung, Wirkung, Erwartungen und mögliche Folgen sichtbar.
  • Guidance richtet den Blick auf den nächsten Schritt: Was braucht es jetzt, damit die gewünschte Veränderung gelingt?

Deshalb ist Guidance gelebte Führungsverantwortung.

Drei Zumutungen an Führung

1. Zumutung: Kritik nicht nur in eine Richtung organisieren

Das ist der Punkt, an dem sich entscheidet, ob es wirklich um Lernen geht oder nur um ein neues Wort für Bewertung. Die Kernfrage: Kann Führung auch hören, was sie nicht hören will?

Kann ein Mitarbeitender sagen: „Was du gerade entschieden hast, wird im Team anders verstanden, als du glaubst“?

Kann eine Führungskraft hören: „Dein Verhalten im Meeting hat die Diskussion abgewürgt“?

Wenn Guidance nur nach unten läuft, ist es keine Kultur, sondern ein Machtinstrument mit freundlichem Namen.

Der große Irrtum liegt darin, dass viele Führungskräfte glauben, Mitarbeitenden müssten sich nur trauen, offener zu sprechen. Die Verantwortung für das „Speaking up“ wird damit den Mitarbeitenden zugeschoben.

Das ist kompletter Schwachsinn. Menschen wagen sich nur dann aus der Deckung, wenn kluger Widerspruch ausdrücklich gewünscht und geschützt ist. Dafür braucht es zwei Voraussetzungen:

Erstens: die ausdrückliche Pflicht zur Kritik

Nicht nur das Recht, sondern die Erwartung, begründete Einwände auf den Tisch zu legen. Gemeint ist kein reflexhaftes Dagegensein, sondern fundierter Widerspruch im Interesse der besseren Entscheidung.

Zweitens: Führungskräfte, die Kritik aushalten

Starke Führung zeigt sich nicht daran, dass niemand widerspricht. Sie zeigt sich daran, dass Menschen offen widersprechen können, ohne dafür einen Preis zu zahlen.

2. Zumutung: Klarheit nicht mit Kränkung verwechseln

Die zweite Zumutung besteht darin, nicht jede unbequeme Rückmeldung als Angriff zu werten. Gilt übrigens auch im Privaten. Ein Satz kann unangenehm sein und trotzdem hilfreich. Ein Gespräch kann stellenweise schmerzen und trotzdem erhellend sein. Eine Kritik kann irritieren und trotzdem genau das sein, was Entwicklung ermöglicht.

Wer jede Kritik hingegen als potenzielle Verletzung behandelt, produziert eine Kultur, in der Harmonie zum Realitätsweichzeichner mutiert und aus Wertschätzung eine Wattepackung wird.

Das hilft niemandem.

3. Zumutung: Menschen nicht mit Schonung abspeisen

Wer etwas sieht und es nicht sagt, nimmt dem anderen die Chance, sich selbst zu reflektieren und besser zu werden. Das ist die Harmoniefalle.

Schonenwollen klingt freundlich, aber es verhindert, dass jemand wachsen, korrigieren oder lernen kann. Dann ist es keine Menschenfreundlichkeit, sondern unterlassene Führung.

Natürlich braucht Kritik Maß, Ton, Timing und Kontext. Natürlich darf Klarheit nicht als Freibrief für Grobheit missbraucht werden. Aber das ändert nichts daran: Wer führt, muss bereit sein, Orientierung zu geben. Auch dann, wenn sie unbequem ist.

Wann Harmonie reif wird

Zurück zur Aussage des Vorstands im Briefinggespräch: „Bei uns ist die Kultur sehr harmonisch.“

Die wichtige Nachfrage lautet: Was passiert, wenn jemand etwas Kritisches sagt? Wird es aufgenommen oder geglättet? Wird nachgefragt oder abgewehrt? Wird die Beziehung belastbarer oder brüchiger?

Harmonie ist leicht, solange niemand etwas Kritisches sagt. Interessant wird sie erst, wenn Klarheit die Beziehung nicht zerstört.

Dann ist Harmonie keine Vermeidungsstrategie mehr.

Dann ist sie reif.

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