Was bedeutet Veränderungskompetenz?
Was eine Raupe das Ende der Welt nennt, nennen wir einen Schmetterling.
Diesen Satz kann man als netten Kalenderspruch abhaken. Oder als unbequemen, aber heilsamen Anstoß verstehen, über die eigene Veränderungsbereitschaft nachzudenken.
„Wir staunen über die Schönheit eines Schmetterlings, aber erkennen so selten die Veränderungen an, durch die er gehen musste, um so schön zu werden.“, Maja Angelou
Die Metamorphose der Raupe in einen Schmetterling ist kein sanfter Übergang. Kein Wellness-Wandel. Sondern ein radikales, kompromissloses Auflösen.
Die Metapher der Raupe – und was sie mit uns zu tun hat
Eine Raupe häutet sie sich mehrfach, um wachsen zu können. Jede Häutung ist ein Abschied vom alten Selbst, von einer Hülle, die zu eng geworden ist. Nach der letzten Häutung zieht sie sich zurück, hängt sich kopfüber an einen Zweig und spinnt sich in einen Kokon – ihre Puppe.
Dann beginnt die eigentliche Metamorphose. Die alten Strukturen der Raupe, ihre Organe, ihr Gewebe, werden vollständig abgebaut. Aus der zellulären Auflösung heraus beginnen neue Strukturen zu entstehen: Flügel, Beine, Augen – alles, was der Schmetterling zum Leben braucht. Möglich wird das durch die sogenannten Imaginalscheiben. Das sind spezialisierte Zellgruppen, die jahrelang unauffällig mitreisen, um dann plötzlich das ganze System zu übernehmen. Sozusagen die stillen Strategen der Metamorphose. Aus dem, was sich auflöst, entsteht das Neue.
Meine persönliche Metamorphose
Meine Zeit der Metamorphose begann vor rund vier Jahren – in einer Phase, als sich mein Leben noch fest in eingespielten Bahnen bewegte. Über zwanzig Jahre lang war mein berufliches und privates Leben eng mit dem meines damaligen Mannes verbunden. Gemeinsam führten wir ein Unternehmen, veröffentlichten Bücher, hielten Vorträge, waren ein eingespieltes Duo.
Nach der Trennung – persönlich wie beruflich – zog ich nach Hamburg, rund 600 Kilometer von meinem alten Zuhause entfernt. Hamburg ist eine Stadt, die mir immer gefallen hatte, aber in der ich kaum jemanden kannte. Kein Netzwerk. Kein Sicherheitsnetz. Nur eine Entscheidung: zu springen.
Der Schritt in den Norden war nicht nur ein Ortswechsel. Er war ein bewusster Abschied von einer alten Identität und der erste tastende Schritt in ein neues Kapitel. Jeder dieser Schritte war eine unbequeme Häutung, der Abschied von etwas sehr Vertrautem, das viele Jahre elementarer Teil meiner Identität war.
Future Skill: Verlustkompetenz
Wenn ich in meinen Keynotes über das Thema Veränderung spreche, einem der zentralen Themen unserer Zeit – sowohl für Organisationen als auch für uns als Individuen – betone ich eine Sache, die zunächst für Stirnrunzeln sorgt. Wir brauchen für Veränderung etwas, das ich mit diesem Begriff beschreibe: Verlustkompetenz.
Verlustkompetenz ist die Fähigkeit, das Vertraute loszulassen, um das Zukunftsfähige zu ermöglichen.
Aus meiner eigenen Metamorphose-Erfahrung weiß ich, wie entscheidend diese Fähigkeit ist. Sie ist eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen überhaupt. Um zu illustrieren, was damit gemeint ist, baue ich oft diese Frage ein:
„Glaubt ihr, dass die Raupe, die sich häutet und schließlich verpuppt, in der ständigen Angst lebt, dass der Ast, an dem sie sich mit einem Seidenfaden befestigt hat, abbrechen könnte und sie auf dem Boden landet und gefressen wird?“
Meine These ist: Die Raupe hat keine Angst. Sie bezieht ihr Sicherheitsgefühl nicht aus der Stabilität des Astes, an dem sie hängt, sondern aus ihrer Fähigkeit zur Verwandlung in einen Schmetterling, der keine Äste mehr braucht zum Festklammern, weil er fliegen kann.
Future Mindset: Veränderungsbereitschaft
Viele Menschen dagegen klammern sich mit aller Kraft an den Ast. Sie verwechseln Stabilität mit Sicherheit und hoffen, dass der Ast niemals brechen wird. Aber wer festklammert, anstatt sich auf Veränderung einzulassen, lernt nie, den eigenen Schmetterlingskräften zu trauen.
Sicherheit entsteht nicht aus dem Festhalten, sondern aus der Fähigkeit, sich mutig auf Veränderung und Verwandlung einzulassen. Diese Haltung ist es, die den Unterschied macht und die gleichzeitig so elementar für den Future Mindset ist.
Die Bereitschaft zur Veränderung zeigt sich in drei Fähigkeiten, die ich in meinem aktuellen Buch beschreibe:
Drei essenzielle Zukunftskompetenzen
- Verlustkompetenz: Das Vertraute loslassen, um das Zukunftsfähige zu ermöglichen
- Resilienz: Die psychische Widerstandsfähigkeit stärken und mit Wandel und Ungewissheit flexibel umgehen
- Eigenmacht: Die Verantwortung für das eigene Denken, Entscheiden und Handeln annehmen
Die Zumutung echter Veränderung
Warum fällt es uns die Sache mit dem Loslassen so schwer? Warum klammern wir lieber am vertrauten Ast, auch wenn er längst morsch ist?
Mir hat die intensivere Beschäftigung mit dem amerikanischen Mythenforscher Joseph Campbell die Augen geöffnet. Campbell hat aus unzähligen Sagen, Märchen und Mythen das Grundprinzip der Heldenreise herausdestilliert. Diese folgt einem archaischen Erzählmuster, dessen Grundgerüst und Stammpersonal unverrückbar feststehen: Immer geht es um die Suche nach dem Selbst, um das Wachsen und Reifen der Person. Das lässt sich natürlich auch auf die Ebene eines Teams oder auf eine gesamte Organisation übertragen.
Die Heldenreise oder die Verwandlungsreise – um im Bild der Raupe zu bleiben – beginnt mit dem Abschied von altvertrauten Identitäten. Die ersten Meter auf der Wegstrecke sind ein vorsichtiges Vorantasten, verbunden mit Verletzlichkeit, da das neue Terrain unsicher scheint und der Weg unbekannt ist.
Zweifel als Wegweiser
Wenn wir also die alte Haut in Form von Denkmustern, Überzeugungen oder sogar langjährigen Identitäten abstreifen, dann berühren wir etwas Tieferes.
Vielleicht hast du dich lange über Sätze definiert wie: „Mein Kollege ist ein Mensch, keine Maschine“ – und plötzlich sitzt KI als Co-Pilot im Team. Vielleicht war dein Selbstverständnis: „Ich bin eine erfahrene Führungskraft“ – und plötzlich führst du ein globales, junges Team, das über Zeitzonen hinweg kommuniziert, in Slack statt in Sitzungen denkt, und kulturell so divers ist, dass deine vertrauten Führungsinstrumente nicht mehr richtig greifen. Kein Wunder, dass sich Unsicherheit und Zweifel breitmachen.
- Wer sind wir ohne das, woran wir uns all die Jahre festgehalten haben?
- Welcher Weg ist überhaupt der richtige?
- Und wie gehen wir mit der diffusen Sorge um, dass wir die Herausforderungen dieser Verwandlungsreise vielleicht gar nicht bewältigen?
Die Heldenreise kennt kein Zurück
Darum geht es in der Heldenreise.
Aufzubrechen bedeutet, sich auf das Unwegsame und Ungewisse einzulassen. Sobald dieser Entschluss gefallen und die Schwelle überschritten ist, gibt es kein Zurück mehr. Jetzt beginnt eine Zeit des Aufbruchs, des Lernens und der anstrengenden Prüfungen.
Mit diesem Schritt treten wiederum Ängste und Bedenken auf. Campbell spricht hier von Schwellenhütern, die uns zum Bleiben überreden wollen. Also die Zweifel und Unsicherheiten, die dir zuraunen: „Lass es. Das ist eine Nummer zu groß für dich!“ Oder die Schwellenhüter in einer Organisation, die als Komfortzonenbewohner, Vorrechte-Verteidiger und Bedenkenträger mit dem ausgestreckten Finger auf die potenziellen Risiken zeigen und mahnen, dass das Alte doch noch gut funktioniere.
Die Stimmen im Innen und Außen, die vom Aufbruch abraten, sind enorm stark. Sie nähren die Zweifel und verstellen sogar den Weg zum Aufbruch. Das ist der Grund, warum viele sich erst gar nicht auf den Weg machen.
Lieber verharrt man im möblierten Sicherheitscontainer des Altvertrauten – kuschelig beheizt, sehr bequem und mit gewohnter Ausredenausstattung.
Wer nicht bereit ist, sich der Angst und Unsicherheit zu stellen, bleibt stehen.
Campbell sagt es so:
„Die Höhle, die du zu betreten fürchtest, birgt den Schatz, den du suchst.“
Ob wir vor dem Eingang der Höhle verharren oder hineingehen – das ist kein Schicksal, sondern unsere Wahl.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Diese Wahlfreiheit zu erkennen, verändert alles. Dein ganzes Leben.
Mut ist eine Entscheidung
Vielleicht zögerst du noch. Vielleicht spürst du beides: die Enge des Vertrauten und die Angst vor dem Unbekannten. Doch genau dort beginnt der Weg. Nicht mit einem großen Schritt, sondern tastend – nach mehreren inneren Häutungen. Schritt für Schritt. In Bewegung kommt, was bereit ist, sich zu verwandeln.
Genau darin liegt das Geschenk: Das Alte ist nicht verloren. Es wird zu Kompost – nicht glamourös, aber nährstoffreich.
Alles, was wir waren, nährt, was wir werden können.
Wenn du gehst, entsteht der Weg.
Die Imaginalscheiben in dir wissen längst, was möglich ist. Sie warten nicht auf dein Okay. Sie warten auf deinen Mut.
Also, bedanke dich bei deiner Raupe.
Und lass sie gehen.
Kurz gesagt
- Transformation beginnt mit Abschied – bewusstes Loslassen ist der Türöffner
- Kontrolle ist eine Illusion – Führung heißt, flexibel auf Realität zu reagieren
- Ambiguitätstoleranz entwickeln: mit Unsicherheit und Widersprüchen leben lernen
- Sicherheit entsteht durch innere Wandlungsfähigkeit und die Entwicklung von Verlustkompetenz
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