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Die Produktivitätslüge

Zack. Zack. Zack.

Jetzt gehts rund, keine Zeit für Stillstand!

Ärmel hoch, in die Hände gespuckt – jetzt wird durchgezogen!

Die Welt ist besessen von Effizienz und Geschwindigkeit. Wer im Alltag die Ärmel hochkrempelt, so richtig was wegschafft und Aufgaben noch schneller und effizienter erledigt, ist smart und zeigt Leadership-Qualitäten!

Ich selbst habe diese Sichtweise lange nicht in Frage gestellt. Als Autorin galt für mich: Wenn ich einen produktiven Schreibtag hatte und 1.000 Wörter oder mehr aufs weiße Blatt brachte, war das auf meiner Werteskala ein super Ergebnis.

Als ich jedoch genauer hingesehen habe, war ich verblüfft: Was um Himmels willen mache ich da? Woher kommt die Überzeugung, dass mehr gleichzeitig auch besser ist? Oder anders gefragt: Wie komme ich darauf, dass das permanente Tun ein Kennzeichen eines produktiven und erfolgreichen Lebens ist?

Ich habe begonnen, etwas zu tun, was nicht immer angenehm ist – aber notwendig: Mich selbst zu hinterfragen. Das Ergebnis: Ich musste erkennen, dass die Behauptung, Produktivität sei gleichbedeutend mit Tun, schlicht und ergreifend so nicht stimmt.

Die neue Ära der Produktivität

Warum hält sich diese Produktivitätslüge so hartnäckig? Weil es im Industriezeitalter zutreffend war: Je länger ein Arbeiter am Fließband stand, desto mehr produzierte er und desto mehr Wert schuf er für das Unternehmen.

Heute wächst die Wertschöpfung eines Kopfarbeiters jedoch nicht mehr mit der Bandgeschwindigkeit, der Stückzahl und der Zahl der Arbeitsstunden, sondern mit dem erbrachten Nutzen, den innovativen und kreativen Lösungen, den wertschöpfenden Ideen.

Was früher dem Führungspersonal vorbehalten war, ist heute ein Muss für alle: Mitdenken. Hinterfragen. Weiterdenken. Neues anstoßen. Die Grenzen des Machbaren ein Stück weit verschieben und neue Möglichkeitshorizonte erschließen: Das ist wertvolle Arbeit! Und sie gelingt, wenn wir eben nicht aufs Tempo drücken – sondern das Gegenteil tun: entschleunigen und uns selbst Zeit und Raum geben.

60 Minuten, in denen ich konzentriert, präsent und ganz bei mir bin, sind für das Schreiben wertvoller als sechs Stunden am Schreibtisch, in denen ich verbissen versuche, mein Tagespensum zu erreichen.

Ein Meeting, das zehn Minuten dauert und in dem alle wirklich ganz „da“ sind und nicht in Gedanken den nächsten Termin vorbereiten oder unter dem Tisch Nachrichten ins Smartphone tippen, ist wertvoller als zehn Meetings, in denen nur mit halbem Ohr zugehört wird.

Die Mentalität des pausenlosen Tuns ist der größte Feind des originellen Denkens. Neue und kreative Ideen werden nicht im Minutentakt produziert – sie werden entdeckt.

Das heißt:

  • Den Alltag bewusst entschleunigen! Obwohl sich alles immer schneller dreht, liegt es an uns selbst, Inseln der Ruhe zu schaffen.
  • Präsenz und Wachheit kultivieren. Und ja, das ist möglich! Die überraschende Entdeckung, die ich dabei gemacht habe: Die Fähigkeit, knifflige Probleme zu lösen, steigt ebenso wie die Qualität der Entscheidungen.


In den Momenten der Entschleunigung mag es so aussehen, als ob nichts passiert. Aber der Schein trügt. Während du eine Tasse Tee trinkst und aus dem Fenster schaust oder ziellos durch den Park spazierst, arbeitet dein Unterbewusstsein daran, Erinnerungen zu festigen, Assoziationen zu knüpfen und Neues mit Altem zu unerwarteten Kombinationen zu verknüpfen. Deshalb: Schalte den Lärm des Alltags für kurze Zeit aus. 30 oder 40 Minuten oder auch länger. Regelmäßig! Das geht!

Zwei Tipps, zu deren Nachahmung ich nachdrücklich einlade:

Den Geist zur Ruhe bringen

Was mir in stressigen Situationen hilft, ist bewusstes Atmen. Ich empfehle diese Übung: Einatmen, dabei langsam bis vier zählen  – ausatmen und wieder langsam bis vier zählen. Das lässt sich natürlich noch steigern, indem du beim Ein- und Ausatmen erst bis fünf, dann bis sechs zählst. Bewusstes Atmen kann so zu einer echten Superkraft gegen Stress werden oder um die notwendige Ruhe zu finden, wenn beispielsweise ein schwieriges Gespräch ansteht oder du gerade vor einer herausfordernden Aufgabe stehst, die von dir Konzentration und Kreativität erfordert.

Meetings anders beginnen

Meetings können sehr viel produktiver werden, indem man gerade nicht das tut, was üblich ist: Sofort loslegen. Ran an den ersten Agendapunkt … fertig …. los! Stattdessen beginnt ihr mit einem kurzen Check-in: Eine, zwei oder auch drei Minuten Stille. Jemand aus der Runde leitet den Check-in kurz an und hält die Uhr im Blick. Dann schließen alle die Augen, nehmen einige bewusste Atemzüge und stellen sich die Frage: „Wie geht es mir jetzt in diesem Augenblick? Was ist aus meiner Sicht für das Meeting wichtig?“ Statt mechanische Antworten abzuspulen wie „Es geht mir gut“ oder „Das Meeting soll produktiv sein“, sind die Fragen als Einladung gedacht, in sich hineinzuspüren und hineinzuhören.
Zu meiner großen Freude höre ich, dass solche Check-Ins in immer mehr Organisationen zum festen Bestandteil der Meetingkultur geworden sind – genau wie Check-Outs. Damit ist ein kurzes Innehalten am Ende des Meetings gemeint, um es energisch abzuschließen und sich dann auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren, ohne dass Reste aus dem letzten Meeting noch in die neue Aufgabe oder das nächste Meeting hinüberwandern.

Oft sind es nur wenige Minuten am Tag, die den entscheidenden Unterschied machen.

Wir brauchen nicht noch mehr Geschwindigkeit und dauergehetze Atemlosigkeit, sondern das Gegenteil: Bewusste Auszeiten.

Entschleunigung und nicht Beschleunigung ist die Kernkompetenz unserer Zeit. Das ermöglicht mir, meine Zeit viel besser zu managen – anstatt mich von der Zeit managen zu lassen.