Zurück ist der eigentliche Fehler

Wer aus der Krise nur schlanker herauskommt, hat sie nicht genutzt.
Er hat nur Gewicht verloren.

Schlanker ist nicht klüger. Dennoch zeigt sich in Organisationen diese Verwechslung erstaunlich oft.

Man steckt in einer fetten Krise, also ran an die Kosten: Budgets einfrieren, Projekte stoppen, Reisen streichen, Einstellungsstopp verhängen,  Investitionen verschieben, Headcount reduzieren. Das ist naheliegend. Und häufig nötig.

Nur geraten im Krisenreflex der Kostenarbeit oft die entscheidenden Fragen aus dem Blick: Was bleibt? Was kann weg? Und wo entsteht Raum für Neues?

Was für Organisationen gilt, gilt ebenso für Menschen. Krisenzeiten offenbaren nicht nur, was im Außen nicht mehr trägt. Sie stellen auch die unbequeme Frage, an der Wachstum beginnt: Woran halte ich fest, obwohl es mich längst nicht mehr trägt?

Jede Krise macht uns als Person kenntlicher. Die einen werden angsterfüllter. Die anderen mutiger. Die einen hoffen, dass alles wieder so wird, wie es war. Die anderen erkennen, dass genau das nicht passieren wird. Und dass dort die eigentliche Arbeit beginnt.

Nicht die Krise ist das Problem

Es ist eine Frage der Haltung, des berühmten Mindsets. Wer eine Krise als Naturereignis begreift, das über uns hereinbricht, bleibt im Verteidigungsmodus. Sie wird dann als Gefahr behandelt, nicht als Ausgangspunkt für Erneuerung.

Wie man hingegen eine Krise nicht nur übersteht, sondern produktiv nutzt, zeigt ein Beispiel aus Finnland. Nach dem alten Churchill-Motto: „Never waste a good crisis.“ Das Interessante daran: Es stammt nicht aus einem Unternehmen, sondern von einer Stadt.

Oulu ist die größte Stadt Nordfinnlands. Über Jahre hing dort wirtschaftlich fast alles an Nokia. Bis 2010 war Nokia Weltmarktführer für Mobiltelefone und Smartphones. Dann kam das iPhone. Und mit ihm die schmerzhafte Erfahrung, dass Marktführerschaft keine Zukunftsgarantie ist. Nokias Mobilfunksparte brach weg und Tausende Jobs gleich mit. Für viele Regionen wäre das der Moment gewesen, das Alte mit Hilfsgeldern zu beatmen und die Zukunft auf später zu verschieben.

In Oulu lief es anders. Dort wurde Nokia nicht zum Pflegefall der Industriepolitik erklärt. Stattdessen stellte man eine sehr kluge Frage:

Was ist die eigentliche Substanz?

Die Antwort: Nicht Nokia war die Substanz. Sondern Technologiekompetenz, Ingenieurwissen, Unternehmergeist und Menschen, die etwas konnten. Diese Menschen kamen in Weiterbildungsprogramme und vor allem in Programme zur Förderung des Unternehmertums, in denen sie ihre Ideen weiterentwickeln konnten. Anschließend wurden sie mit Investoren zusammengebracht. Daraus entstand in der Region ein Feuerwerk neuer Start-ups. Heute arbeiten dort mehr IT-Spezialisten als zu den besten Zeiten von Nokia.

Niemand in Oulu wird sich die Zeit des Zusammenbruchs von Nokias Mobilfunksparte zurückwünschen. Aber wann bekommt eine Region schon die Gelegenheit, aus einer Krise den Ausgangspunkt ihrer eigenen Erneuerung zu machen?

Nicht gerettet. Neu gebaut

Das Beispiel Oulu zeigt präzise, was Krisen freilegen, worauf es ankommt und warum viele genau an diesem Punkt falsch abbiegen.

Erste Lektion: Krisen entlarven die Logik von gestern

In guten Zeiten lässt sich erstaunlich viel durchschleppen, was längst nicht mehr trägt. Prozesse. Strukturen. Gewohnheiten. Geschäftsmodelle. Veraltete Technologien. Solange es noch läuft, fällt das nicht weiter auf. Oder man will es nicht so genau wissen.

Nokia ist dafür ein Lehrstück. Entgegen anderslautender Managementmythen hat das finnische Unternehmen das iPhone nicht dummdödelig übersehen. Firmensprecher Kari Tuuti machte 2007 im Interview mit dem Spiegel deutlich, dass man sehr wohl einen neuen Wettbewerber wahrnahm, allerdings die disruptive Sprengkraft falsch einschätzte. Das Problem war die Deutungslogik des Marktführers, die an dem klebte, was man kannte. Man sah zwar einen neuen Wettbewerber, verstand aber nicht, dass hier die Spielregeln neu geschrieben wurden.

Die Lektion: Die größte Gefahr in Zeiten der Veränderung ist nicht die Veränderung an sich, sondern das Denken und Beurteilen mit der Logik von gestern.

Zweite Lektion: Nicht gerettet, sondern neu gebaut

Oulu zeigt die andere Möglichkeit. Nach dem Zusammenbruch von Nokias Mobilfunksparte wurde dort nicht versucht, das Alte zu verlängern. Stattdessen stellte man sich die entscheidende Frage: Was bleibt, wenn der große Name wegbricht?

Wenn das Alte wegbricht, bleibt nicht nichts. Sichtbar wird, was wirklich trägt. Nicht die Hülle,  der bekannte Name oder die bisherige Form, sondern technologische Fähigkeiten, unternehmerische Energie, Lern- und Wandlungsfähigkeit. In Oulu war nicht Nokia die Substanz, sondern die Menschen und ihr Know-how.

Genau diese Unterscheidung ist der kritische Punkt. Wer Hülle mit Substanz verwechselt, investiert weiter in das, was gestern wichtig war. In der Politik zeigt sich dieser Reflex besonders zuverlässig: Veränderung verschwindet nicht durch Bestandsgarantien, künstliches Beatmen oder den Versuch, Strukturwandel mit Steuergeldern zu sedieren. Das sind die Rituale einer Politik, die mit beiden Händen verteilt, was ihr nicht gehört und es Standortsicherung nennt.

Dritte Lektion: Krisen verlangen Verlustkompetenz

Wenn ich in meinen Keynotes über Veränderung spreche, benutze ich ein Wort, das viele erst einmal erstaunt: Verlustkompetenz. Damit ist die Fähigkeit gemeint, das Gewohnte und Altvertraute hinter sich zu lassen, um Platz für das Zukunftsfähige zu schaffen. Daran scheitern viele. Nicht am Neuen, sondern am Loslassen des Alten. Oulu ist auch deshalb so ein starkes Beispiel.

Krisen enden. Die Klärung nicht

Diese drei Lektionen klingen vernünftig, stehen aber quer zur üblichen Logik der Krisenbewältigung. Denn in Krisen geht es selten um Klärung. Meist geht es um Weitermachen, Durchhalten, Funktionieren.

Das stabilisiert, aber es klärt nichts.

Die Krise ist nicht das Problem. Das Problem ist die Hoffnung, man könne sich durchbeißen und danach einfach weitermachen wie vorher. Mit denselben alten Gewissheiten, Selbstbildern und Sicherheiten.

Wir können Krisen überstehen, ohne uns zu verändern. Wir können funktionieren, ohne klüger geworden zu sein.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie schnell eine Krise vorbei ist. Sondern ob danach mehr möglich ist als vorher.

Wenn schon Krise, dann richtig.

Die gute Nachricht: Krisen werden uns nicht ausgehen.

Machen wir was draus!

 

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