Der schlechteste Rat meines Lebens

Ich war acht Jahre alt, als ich einen der schlechtesten Ratschläge meines Lebens erhielt. Beim Ballettunterricht.

Die alte Turnhalle knarzte, roch nach Bohnerwachs und verschwitzten Turnschuhen – und ich träumte davon, wie eine Ballerina durch den Raum zu schweben.

Die Realität sah jedoch anders aus. Schritte, die ich mir nicht merken konnte. Armbewegungen, die immer zu spät kamen. Mit jedem Einsatz stolperte ich ein wenig mehr aus dem Takt.

Nach der letzten Probe kam die Lehrerin zu mir – eine grazile ältere Dame mit elegantem Dutt. Sie legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: „Anja, weißt du, was das Geheimnis des Erfolgs ist? Niemals aufgeben.“

Damals klang das wie eine goldene Lebensweisheit. Durchhaltevermögen und Beharrlichkeit als Schlüssel zum Erfolg.

Aufgeben? Gleichbedeutend mit Schwäche, Bequemlichkeit und mangelndem Willen..

Warum Sturheit uns oft mehr kostet als Aufgeben

Doch das Leben ist nie schwarz-weiß. Natürlich gibt es Menschen, die viel zu früh aufgeben. Aber genauso gibt es die anderen: die stur weitermachen, obwohl es sehr viel klüger wäre, aufzuhören.

Beharrlichkeit heißt eben nicht, an etwas festzuhalten, das partout nicht funktioniert – oder ein Ziel mit aller Kraft zu verfolgen, das längst keinen Sinn mehr ergibt.

Wir alle kennen diese Situationen:

Menschen verharren in Jobs, die sie auslaugen.

Sie bleiben in Beziehungen, die sie unglücklich machen.

Unternehmen pumpen Geld in Projekte, die immer unprofitabler werden.

Investoren halten an Aktien fest, deren Wert eingebrochen ist.

Die Frage ist nur: warum?

Je höher der Einsatz und je stärker die persönliche Identifikation mit der Investition, desto unannehmbarer erscheint ein Ausstieg.

Ins Konkrete übersetzt heißt das beispielsweise: „Ich habe so viele Jahre investiert, um eine Expertin in meinem Bereich zu werden. Das kann ich doch jetzt nicht einfach alles wegwerfen und etwas völlig Neues anfangen!“ Oder: „Jetzt haben wir in dieses Projekt schon so viel reingesteckt. Würden wir es jetzt abbrechen, dann hätten wir das Geld zum Fenster herausgeworfen!“ Oder: „Über zehn Jahre habe ich Seite an Seite mit meinem Partner gelebt. Wenn ich ihn jetzt verlasse, fühlt es sich an, als wäre all das umsonst gewesen.“

Genau das ist der Denkfehler:Viele bestehen darauf, dass sie eine Belohnung verdient haben für das, was sie bislang investiert und geleistet haben. Sie verbeißen sich so sehr in diesen Anspruch, dass sie sogar bereit wären, die Investition noch zu erhöhen, statt sie abzuschreiben. Aber die Realität sieht eben anders aus. Es gibt keine Garantie für die erhoffte Belohnung. Der angepeilte Return on Investment tritt eben nicht immer ein.

In der lebenspraktischen Übersetzung heißt das: Die vergangene Investition ist gemacht.

Du kannst sie nicht zurückholen!

Es zählt nicht, wie lange du schon dabei bist, wie mühsam der Weg war oder was es dich gekostet hat.

Entscheidend ist nur eins: Willst du so weitermachen – oder nicht?

Die eine Frage, die alles verändert

Es geht um den Bewusstseinsrahmen, in dessen Mittelpunkt die Selbstreflexion steht: Wer ohne ein Bewusstsein für die Wahlmöglichkeit in alten Entscheidungen und getätigten Einsätzen gefangen bleibt, verliert den Blick nach vorn.

Die Frage, die du dir deshalb immer mal wieder stellen solltest:

Tue ich etwas nur, weil ich sonst etwas verlieren oder aufgeben müsste?

Oder handle ich, weil ich tatsächlich eine realistische Chance habe, etwas zu gewinnen?

Lenkt mich Verlustangst – oder Wagemut?

Ist deine Haltung eher die erste, bedenke, dass sie am Ende mehr kosten könnte, als du erwartest. Wer hauptsächlich aus Verlustangst handelt, läuft Gefahr, letztlich mehr zu verlieren, als ihm lieb ist.

Wer sich hingegen vom Wagemut leiten lässt, geht ins Risiko, hat aber gleichzeitig die Chance, sehr viel dazuzugewinnen.

Warum du nur fliegen kannst, wenn du loslässt

Für mich war es ein Gamechanger zu erkennen: Ich kann jeden Tag neu entscheiden, ob ich einen Weg weitergehe – unabhängig davon, wie lange ich ihn schon gegangen bin und wie viel Energie und Zeit ich hineingesteckt habe.

Natürlich ist ein Preis fällig, wenn ich das Projekt abbreche, wenn ich aus der Beziehung rausgehe, wenn ich den Job kündige. Aber das Festhalten hat auch ein Preisetikett – obwohl viele das vehement ausblenden. Sie machen weiter wie bisher. Sie hoffen. Investieren weiter. Geben sich Mühe. Und lassen dabei so manche Chance – nicht selten das Leben – an sich vorüberziehen.

Inzwischen habe ich verstanden, dass es keine Garantien gibt. Für nichts. Das zu begreifen, ist unkomfortabel. Gleichzeitig ist es enorm befreiend, denn es hindert mich daran, mit allen Kräften an solchen Investments festzuhalten, wo Loslassen die klügere Option ist.

In den vergangenen Jahren habe ich quasi einen Intensivkurs im bewussten Aufgeben absolviert. Ich habe eine GmbH aufgelöst. Ich habe mich aus Beziehungen gelöst, die mich viele Jahre begleitet haben. Ich habe zwei Social-Media-Kanäle mit über 40.000 Abonnenten hinter mir gelassen. Ich habe Ideen aufgegeben, die den Erwartungen nicht standgehalten haben. Ich habe Projekte fallengelassen, die nicht mehr länger zu mir oder meinem Weg passten.

Und ja, die Ballettstunden habe ich auch aufgegeben.

Das war mein Einstieg in die Erkenntnis, dass Durchhaltevermögen nicht bedeutet, etwas zu tun, was trotz aller guten Absicht nicht funktioniert, oder an etwas festzuhalten, das einem Ideal dient, dass für mich nicht passt. Meine Kindheit war trotzdem glücklich. Ganz ohne Spitzenschuhe.

Wer Flughöhe im Leben gewinnen will, muss Ballast abwerfen.

Darum sollten wir aufhören, die alte Leier „Niemals aufgeben!“ blindlings zu wiederholen.

Denn manchmal – ja, manchmal – ist Aufgeben das Beste, was du tun kannst.

 

 

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