Veränderung fühlt sich nach Mut an. Vor allem dann, wenn sie nach außen sichtbar ist:
Ein neuer Job. Eine neue Stadt. Ein neuer Mensch an unserer Seite.
Was dabei gern übersehen wird:
Sichtbare Veränderungen sind oft die eleganteste Art, inneren Fragen auszuweichen.
Wenn Veränderung nur die Kulisse wechselt
Ich bin gerade umgezogen. Neue Umgebung. Neue Straße. Neue Nachbarn. Neu zu schaffende Routinen. Und während ich noch dabei bin, Kartons auszupacken, Lampen und Bilder aufzuhängen und neue Möbel zu kaufen, passiert etwas Merkwürdiges:
Mein altes Leben beginnt plötzlich, verdächtig attraktiv zu wirken.
Die vertrauten Wege. Die bekannten Gesichter. Das Gefühl von: Ich weiß, wie das hier läuft.
Nicht, weil es besser war.
Sondern weil es bekannt war.
Diese Dynamik ist mir nicht neu.
Vor mehr als zwanzig Jahren habe ich meinen Job als Managementberaterin gekündigt. Nach außen sah das nach einem klaren und mutigen Schnitt aus. Nach Aufbruch. Nach Freiheit.
Was ich damals unterschätzt habe: wie beharrlich sich alte Muster halten. Wie zuverlässig sie mitwandern, selbst dann, wenn du fest entschlossen bist, alles anders zu machen.
Ich habe damals versucht, das Geschäftsmodell der Beratung nahezu eins zu eins neu nachzubauen. Selbstbestimmt, unabhängig – dachte ich.
Als ich mich plötzlich in der Rolle der klassischen Managerin wiederfand, traf mich die Erkenntnis mit voller Wucht: Diese Rolle will ich gar nicht mehr. Nicht optimiert. Nicht in eigener Regie.
Sondern grundsätzlich nicht.
Ich hatte im Prinzip das reproduziert, wovon ich mich lösen wollte.
Wenn Veränderung an der Oberfläche endet
Genau das ist kein Einzelfall: Menschen wechseln den Job in der Hoffnung, dass ein anderer Kontext ein anderes Erleben produziert. Sie beenden Beziehungen und finden sich erstaunlich treffsicher in vertrauten Dynamiken wieder – nur mit einem anderen Gesicht. Sie ziehen um und richten sich so ein, dass möglichst wenig wirklich neu wird.
All das sieht nach Veränderung aus. Und greift doch oft zu kurz.
Echte Veränderung scheitert selten am Loslassen.
Sie scheitert an der Phase danach.
An dem Stadium, in dem das Alte nicht mehr trägt und das Neue noch keinen Halt gibt. An dem Zustand, in dem Orientierung fehlt und man sich im Neuen erst vorantasten muss, ohne zu wissen, wer man hier eigentlich ist.
Vielleicht liegt hier der Grund, warum so viele Veränderungen erstaunlich folgenlos bleiben.
Stattdessen sind es Veränderung in der Light-Version: Das Neue darf neu aussehen, aber bitte nicht fremd sein. Es soll sich schnell wieder vertraut anfühlen. Berechenbar. Handhabbar. Sicher. Also wird das Neue passend gemacht.
Der Job ist neu, aber gearbeitet wird wie früher. Die Beziehung ist neu, aber die zugrunde liegenden Muster folgen exakt dem alten Drehbuch. Der Ort ist neu, aber innerlich bleibt man auf vertrautem Terrain.
Das wirkt vernünftig. Und ist doch oft nur eine gut getarnte Form von Rückzug.
Die eigentliche Zumutung von Veränderung
Die eigentliche Zumutung von Veränderung liegt nicht im Abschied.
Sie liegt im Dazwischen.
In der Phase, in der nichts greift. In der man nicht so genau weiß, was oder wer man ist.
Es ist ein nicht leicht auszuhaltender Schwebezustand zwischen dem Altvertrautem und Noch-nicht-Vertrautem.
Viele Menschen halten diesen Zustand nicht lange aus. Dabei steckt aber in dieser Phase eine große Chance: Wir können sie nutzen, die innere Arbeit zu machen, die mit dem Gehen verbunden ist. Das heißt, die Unsicherheit nicht zu überspringen, sondern als Erkenntnisraum zu nutzen.
Vielleicht ist die ehrlichere Frage also nicht: Was lasse ich hinter mir? Sondern:
Wie lange halte ich es aus, mich im Neuen nicht auszukennen – ohne es vorschnell wieder vertraut zu machen?
Denn genau in dieser Phase entscheidet sich, ob wir nur etwas ersetzen – oder wirklich etwas verändern.
Wer das Vertraute zu früh wiederherstellt, landet oft genau dort, wo er schon war.
Wer das Ungewohnte aushält, gewinnt etwas anderes: die Freiheit, bewusst zu wählen, was bleiben soll – und was endlich gehen darf.
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