Trigger mich! Vom klugen Umgang mit Kritik

„Bitte, was?“

Als ich die Kritik eines Lesers zu meinem Buch 7 Superkräfte las, stockte mir der Atem. Das war heftig. Solch ein Verriss geht auch an einer erfahrenen Autorin nicht spurlos vorbei.

Ich mag den offenen Dialog über meine Arbeit. Aber ganz ehrlich: In Momenten wie diesen tue ich mich schwer damit. Sehr schwer.

Warum konnte der Leser, der mir eine lange Mail mit seinem „Feedback“ geschickt hatte, nichts mit meinen Gedanken anfangen? Hatte er womöglich recht? War es, wie er schrieb, eine „Anmaßung“ von mir, meine Vorstellungen einer besseren Welt zu verallgemeinern und als Ratschläge weiterzugeben? Eine Intention, die ich nie hatte, die aber offenbar in seiner Lesart lag.

Es ist schwer, solche Angriffe nicht persönlich zu nehmen. Denn es ist mein Buch. Meine Geschichte. Meine Handschrift.

Und genau da liegt das Dilemma: Kritik kratzt nie nur an der Sache. Sie berührt immer auch dich selbst. Sie kann dich ins Wanken bringen. Sie kann Zweifel säen. Sie kann dein Ego triggern.

Sollte ich also solche „Feedbacks“ einfach ignorieren? Die Kritik abperlen lassen wie Wassertropfen auf frischem Lack?

Nein. Eben nicht.

Kritik kann auch wertvoll sein. Ein Impuls. Ein Spiegel. Manchmal sogar ein Türöffner.

Hinschauen statt Draufhauen

Kritik ist nicht gleich Kritik. Es gibt die Art, die runtermacht. Und es gibt die Art, die aufbaut.

Im besten Fall bleibt Kritik ihrem Wortsinn treu: die Kunst der Beurteilung.

Nicht das plumpe Runtermachen, sondern das präzise Hinschauen.

Nicht das Abkanzeln, sondern das ehrliche Fragen.

Wenn dir jemand aufrichtig zeigt, wo es zum Beispiel in deinem Text hakt – mit dem Ziel, Klarheit zu schaffen –, dann entsteht ein Mehrwert. Für dich. Für die Sache. Für das, woran du gerade arbeitest.

Das ist die Art von Kritik, bei der es sich lohnt, sehr genau hinzuhören.

Mantel oder nasses Handtuch

Aber selbst die beste Absicht kann scheitern, wenn sie brutal verpackt ist.

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat es wunderbar gesagt: „Wenn du glaubst, etwas als Wahrheit erkannt zu haben, so halte es dem anderen hin wie einen Mantel, in den er hineinschlüpfen kann, schlage es ihm aber nicht wie ein nasses Handtuch um die Ohren.“

Ich habe viele solcher nassen Handtücher erlebt. Gern etikettiert mit: „Ich bin doch nur ehrlich!“

Aber Ehrlichkeit ohne Achtsamkeit ist keine Tugend, sondern Rücksichtslosigkeit.

Kritik, die unerbittlich ist und brutal, auch verletzend und boshaft, ist keine „Ehrlichkeit“. Sondern ein Schlag ins Gesicht.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Kritik ist kein Wellnessprodukt. Sie soll nicht sanft einlullen und garantiert reizfrei sein. Wer Kritik zur Wohlfühlmassage macht, nimmt ihr jede Wirkung.

Es geht um etwas anderes: innehalten, bevor du losschießt.

Mir fällt bei dem bewussten Innehalten der gute alte Viktor Frankl ein, der es so ausgedrückt hat: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Manchmal braucht es nur einen Atemzug, damit Kritik nicht zerstört, sondern verwandelt.

Wenn du das nächste Mal den Impuls spürst, eine Kritik loszuwerden, atme zuerst tief durch. Und stell dir fünf kurze Fragen:

  • Ist es wahr? Oder nur deine Annahme, Projektion oder sogar Übertreibung?
  • Ist es hilfreich? Bringt es die andere Person oder die Sache weiter – oder lädst du nur deinen eigenen Ballast ab?
  • Ist es freundlich? Respekt geht auch bei harten Botschaften.
  • Ist es der richtige Zeitpunkt? Worte wirken nur, wenn das Gegenüber gerade ein Ohr dafür hat.
  • Ist es überhaupt erwünscht? Fragen hilft, bevor du Feedback ungefragt ablädst.

Billige Kritik vom Spielfeldrand

Kurzer Perspektivwechsel. Und wenn die Kritik dich trifft – wie gehst du damit um?

Nicht jede Stimme verdient dein Ohr. Manche sind nur Lärm. Andere dagegen haben Gewicht. Entscheidend ist deshalb immer die Frage: Von wem kommt sie eigentlich?

Brené Brown bringt es auf den Punkt: Wenn wir Feedback oder Kritik von Menschen bekommen, die selbst auf dem Spielfeld stehen, sollten wir genau hinhören. Wenn jemand, der sich selbst einbringt – und damit auch das Risiko trägt, falsch zu liegen und selbst Kritik auszuhalten – konstruktive Kritik übt, dann ist es klug, DANKE zu sagen!

Für alle anderen gilt: Wer auf den billigen Plätzen am Spielfeldrand sitzt und von dort aus mit sicherem Abstand das Geschehen beobachtet und dann Ratschläge erteilt und lauthals Kritik übt, was diejenigen auf dem Spielfeld gefälligst anders oder besser machen sollten, dann habe ich nicht das geringste Interesse an dieser Meinung.

Diese ich-weiß-alles-besser-Klugscheißer sind Lärm. Nicht mehr.

Kritik, die nicht nur kratzt

Wer Kritik ignoriert, bleibt im Alten stecken. Wer sie annimmt, schafft Neues.

Am Ende zählt nicht, ob wir kritisieren oder kritisiert werden, sondern ob wir daraus mehr Klarheit, mehr Haltung und mehr Mut gewinnen.

Vielleicht ist unser eigentliches Problem nicht die Kritik, sondern, dass wir verlernt haben, sie auszuhalten. Wir leben in einer Kultur, in der der gehobene Daumen alles ist und Widerspruch als Angriff gilt.

Doch wer allen gefallen will, steht am Ende für nichts.

Kritik und Widerspruch sind kein Mangel an Wohlwollen, sondern der Beweis für Wirkung.

Kein Widerspruch – keine Resonanz. Kein Widerstand – keine Veränderung.

Wer Bedeutung will, muss Widerspruch riskieren.

 

 

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