Manchmal reicht eine Katze, um zu zeigen, wie dumm Regeln werden können.
In einem Ashram am Rande eines indischen Dorfes lebte ein Guru. Täglich versammelten sich seine Schüler, um gemeinsam mit ihm zu meditieren.
Doch eines störte die Meditation: Der Guru hatte eine junge Katze, ein zutrauliches und neugieriges Tier, das während der Meditation durch den Raum schlich, miaute und schnurrte und alle aus der Konzentration riss.
Eines Tages hatte der Guru genug. Er beschloss, die Katze während der Meditationszeiten an einen Pfosten zu binden, damit niemand gestört würde.
Mit der Zeit wurde daraus Routine: Erst die Katze anbinden, dann meditieren. Die Jahre vergingen, neue Schüler kamen, alte gingen. Das Ritual blieb.
Bis eines Tages die Katze eines natürlichen Todes starb.
Panik breitete sich unter den Schülern aus.
Wie sollten sie jetzt meditieren?
Wie sollten sie in die Stille finden, wenn es keine Katze mehr gab, die man anbinden konnte?
Was einst eine Notlösung war, hatte sich in einen heiligen Akt verwandelt.
Und genau das passiert nicht nur in Ashrams, sondern auch in Organisationen, Teams und manchmal sogar in uns selbst.
Heilige Kühe: Wenn Regeln das Denken ersetzen
Diese Geschichte, die Elizabeth Gilbert in ihrem wunderbaren Buch Eat Pray Love erzählt, zeigt, wie pragmatische Lösungen im Laufe der Zeit zu unantastbaren Ritualen mutieren.
Aus einem „das hat sich bewährt“ wird schnell ein „das darf man nicht ändern“.
Wenn ich darüber mit Führungskräften spreche, bezeichne ich dieses Phänomen gern als heilige Kühe der Organisation: alte Riten, traditionelle Abläufe, unantastbare „So macht man das“-Wahrheiten. Irgendwann waren sie sinnvoll. Doch seitdem wurden sie nie wieder infrage gestellt. Aus Routine wurde Ritual, aus Ritual wurde heilige Kuh.
Ein paar Exemplare aus der Herde:
- „Wer anwesend ist, arbeitet besser.“
So wird Präsenz mit Leistung verwechselt und Vertrauen an Sichtbarkeit geknüpft. Aber der Output wird durch lange Anwesenheit nicht automatisch wertvoller. Anwesenheit lässt sich messen, Denken leider nicht. - „Große Entscheidungen brauchen große Gremien.“
„Das Komitee ist eine Sackgasse, in die Ideen hineingelockt und dann in Ruhe erdrosselt werden“, erkannte schon Abraham Lincoln. Je mehr Leute im Raum, desto geringer die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Innovation stirbt leise – in endlosen Abstimmungsschleifen und Meetingmarathons. - „Kontrolle schafft Qualität.“ Klingt nach Sorgfalt, ist aber oft nichts anderes als Misstrauen im Kostüm der Professionalität. Engmaschige Kontrolle schafft vor allem eines: Kleinteiligkeit, quälende Langsamkeit und Kundenabwehrbürokratie.
- „Aus Erfahrung wissen wir, dass XY nicht funktioniert“
Der wohl gefährlichste Satz der Unternehmensgeschichte. Er verwandelt Erfahrung in Dogma und macht die Vergangenheit zum Maßstab allen Denkens.
Im Industriezeitalter mögen solche Kühe nützlich gewesen sein. Heute, in einer Welt exponentieller Veränderung, stehen sie nur noch im Weg.
Die Macht des Ketzers
Darum ist es so wichtig, heilige Kühe zu entzaubern bevor aus alten Riten Götzen werden. Mein Vorschlag in den Führungsrunden lautet daher: Werdet öfter zu Ketzern!
Nicht, weil Rebellion schick ist, sondern weil Denken ohne Widerspruch verkümmert. Organisationen, die keinen inneren Widerspruch zulassen, brauchen keine Mitarbeitenden. Sie brauchen Denkbürokraten.
Es ist gleichzeitig auch der Abschied von der Maschinenlogik der Industriegesellschaft, in der es vor allem um das fehlerfreie Abarbeiten von Vorgaben ging. Heute zählen Mitdenken und das kluge Weiterdenken sowie die Fähigkeit, Ergebnisse zu prüfen, zu hinterfragen, zu veredeln. Vor allem in Zeiten von KI gilt: Wir dürfen das Selberdenken – vor allem das kritische Denken – nicht verlernen!
Und genau da zeigt sich die herrschende Ambivalenz in prachtvoller Entfaltung: Wer es mit der ketzerischen Grundhaltung ernst nimmt und beginnt, Traditionen, Überzeugungen, Normen, Rollen und Schemata zu hinterfragen, wird schnell als Bedrohung erlebt und in die Schranken verwiesen: „Ach, weißt du, wir haben schon viele Jahrzehnte Erfahrung damit …“.
Unausgesprochen heißt das: „Wir sprechen dir das Recht ab, die Dinge anders zu sehen!“
Die Vergangenheit wird vehement verteidigt.
Die heiligen Kühe werden weiter gefüttert. Wer sie antastet, gilt schnell als Störenfried, Querulant, Nervbacke oder Risikofaktor.
Das ist ziemlich verrückt und zugleich typisch für Systeme, die den eigenen Erfolg konservieren wollen. Sie verwechseln Bewahren mit Stabilität und Erstarrung mit Erfahrung.
Zukunft entsteht dort, wo wir die Glaubenssätze von gestern überschreiten. In dem Moment, in dem wir aufhören, heilige Kühe blindlings zu akzeptieren, öffnet sich der Raum der Möglichkeiten – im Beruf wie im Leben.
Zeit, die Kuh vom Sockel zu holen
Am schnellsten entlarvt man heilige Kühe, indem man sie offen infrage stellt. Insbesondere Führungskräfte sind hier gefragt, denn wer andere führt, ohne die eigenen Überzeugungen zu prüfen, füttert nur neue Kühe.
Drei Fragen helfen – exemplarisch am Beispiel der Anwesenheitskultur:
- Welche Überzeugung halte ich für selbstverständlich? (Wer anwesend ist, arbeitet besser.)
- Verdient sie es, infrage gestellt zu werden? (Ja – sonst verlieren wir gute Mitarbeitende.)
- Ist sie wirklich gültig? (Nein – Forschung und Praxis zeigen das Gegenteil.)
Also: Glaubenssätze hinterfragen. Routinen auf ihren Sinn prüfen. Dogmen entlarven.
Und an alle, die gestalten und entscheiden: Fordert aktuelle, nicht historische Begründungen ein. Viele heilige Kühe sind Antworten auf Probleme, die es längst nicht mehr gibt.
Und noch etwas: Erkenntnis entsteht bekanntlich nicht beim Reden, sondern beim Ausprobieren.
Wie das aussehen kann?
Zum Beispiel so:
Frag immer mal wieder „Warum eigentlich?“ statt sofort zuzustimmen.
Stell etwas infrage, das für alle „alternativlos“ scheint.
Und schau dann, ob wirklich etwas Schlimmes passiert.
Wahrscheinlich nicht.
Und dann weißt du: Man kann sehr wohl ohne die Katze meditieren.
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