Anja Förster beim Vortrag – inspiriert Führungskräfte mit neuen Perspektiven

Kill your company

Euer Platz ist nicht garantiert – Disruption in Unternehmen meistern

Als der Will.i.am auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gefragt wurde, was man von der Musikbranche in Sachen Umgang mit Geschäftsmodelldisruption lernen könne, war seine Antwort:

Meine Lektion ist: Euer Platz ist nicht garantiert.

Zack, mit dieser Aussage hat er mitten ins Schwarze getroffen. Natürlich hat es sich mittlerweile herumgesprochen, dass es in vielen Branchen neue Wettbewerber gibt, die mit ihren digitalen Geschäftsmodellen für die Platzhirsche brandgefährlich sind, weil sie bestehende Wertschöpfungsketten von Grund auf verändern.

Trotzdem fällt die digitale Transformation der eigenen Organisation in vielen Fällen so schwer, 

  • Man ist zu sehr damit beschäftigt, Geld wie immer zu verdienen.
  • Sich selbst zu kannibalisieren ist schlicht undenkbar.
  • Das ist das Kernproblem.

Das Boot versenken oder das Boot verpassen

Die beiden Marketingprofessoren Peter Dickson und Joseph Giglierano skizzieren in einem Artikel für das Journal of Marketing ein starkes Bild:

Führungskräfte und Unternehmer sind zwei unterschiedlichen Arten von Risiken ausgesetzt.

1. Das Risiko, das Boot zu versenken

  • Passiert, wenn eine Organisation einen mutigen Schritt macht, der sich als Fehltritt herausstellt.
  • Mit diesem Risiko können die meisten Unternehmen gut umgehen.
  • Absicherung durch Business-Pläne, Finanzpläne, Marktforschung und Risikoabschätzungen.

2. Das Risiko, das Boot zu verpassen

  • Entsteht, wenn Organisationen Risiken so sehr vermeiden, dass sie fast jeden mutigen Schritt verhindern.
  • Folge: Erstarrung, Innovationsstau, Verlust des Anschlusses.

Ich finde diese Metapher großartig. Denn sie macht deutlich, dass eine zu defensive Risikovermeidung keineswegs am Ende zu einem niedrigeren Risiko führt, sondern nur eine Verschiebung des Risikos auf eine andere Ebene nach sich zieht.

Unternehmen, die zu sehr mit dem Absichern des Status quo beschäftigt sind, wiegen sich in einer trügerischen Sicherheit. Je sicherer sie sich sind, dass sie das Boot nicht versenken werden, desto mehr übersehen sie schlichtweg das Risiko, das Boot zu verpassen.

Gesunde Paranoia im Unternehmen als Erfolgsfaktor

Es geht also darum, das neue Boot rechtzeitig zu erwischen, ohne das alte zu versenken! Dazu brauchen Veränderer eine wichtige Zutat, nämlich eine gesunde Paranoia.

Damit ist gemeint, trotz gegenwärtigem Erfolg sich nicht entspannt zurückzulehnen, sondern konstant nach möglichen neuen Wettbewerbern Ausschau zu halten, die gefährlich werden könnten.

Bei Google gilt deshalb der Satz:

Die nächste Suchmaschine ist nur einen Klick entfernt.

  • Niemand in Mountain View weiß, wie der nächste Newcomer aussehen könnte.
  • Aber allein die Vorstellung hält die Teams auf den Zehenspitzen.

Gesunde Paranoia und ein offener und auch selbstkritischer Blick auf das eigene Unternehmen sind die Zutaten, um hellwach zu bleiben. Dazu gibt es eine augenöffnende Übung, die ich in meinen Keynotes immer wieder gerne empfehle.

Übung: Kill your Company! Innovation durch Selbstkritik

Kürzlich habe ich sie mit einem Team aus der Versicherungswirtschaft durchgeführt. Selten habe ich eine so engagierte und leidenschaftliche Mannschaft erlebt!

Die Übung heißt: „Kill your company!“

So funktioniert die Übung:

  • Stellt euch vor, ihr seid der künftig wichtigste Wettbewerber eures eigenen Unternehmens.
  • Ziel: Eure eigene Firma aus dem Markt werfen.
  • Zeitrahmen: Eine Stunde oder länger.

Mögliche „Zerstörungsideen“:

  • „Wir sind ein neuer Konkurrent und verkaufen das gleiche Produkt für ein Drittel des Preises.“
  • „Wir sind ein Wettbewerber, der eine Plattform kreiert, an der niemand in unserer Branche vorbeikommt.“
  • „Wir haben eine neue Technologie, die dafür sorgt, dass Kunden das Angebot der anderen gar nicht mehr brauchen.“

Alle Ideen auf ein Whiteboard schreiben.

Worum es geht:

  • Nicht um Realismus oder Prognosen.
  • Sondern darum, vom schlimmsten Szenario auszugehen.
  • Ziel: Wichtige Schlussfolgerungen für die eigene Strategie ableiten.

Der Effekt:

  • Die Diskussion wird lebhaft, garantiert!
  • Nach einer Stunde kehrt ihr zurück in die eigene Rolle und macht euch klar:
    „Da draußen gibt es jemanden, der sich genau diese Gedanken macht, wie wir sie uns gerade gemacht haben.“

Und das ist keine Panikmache, sondern gesunder Realismus.

Dagegenhalten: Von der Analyse zur Aktion

Nun geht es um den zweiten Teil der Übung: die gesammelten Erkenntnisse aufzuarbeiten und nutzbar zu machen.

Schritt 1: Erkenntnisse ordnen

  • Von der kleinsten bis zur größten Bedrohung.
  • Oder von der leichtesten bis zur komplexesten Bedrohung.
  • Meist entstehen dabei Cluster, keine Einzelpunkte.

Schritt 2: Fokus schärfen

  • Stellt euch die Frage: Was sind die drei größten, wahrscheinlichsten und wichtigsten Bedrohungen?
  • Diese Themenfelder erfordern sofortige Aufmerksamkeit.

Schritt 3: Gegenmaßnahmen entwickeln

  • Sobald Konsens über die wichtigsten Bedrohungen besteht:
    • Vorschläge sammeln.
    • Konkrete Maßnahmen ableiten.

Vorteil: Ihr bleibt Gestalter, nicht Getriebene.

  • Ihr handelt, bevor Angreifer euch zur Reaktion zwingen.
  • Ihr denkt das disruptive Szenario durch, bevor es beginnt.
  • Ihr leitet Gegenmaßnahmen ein, bevor die Krise greift.

Von heute auf morgen – der beschleunigte Wandel

Klar ist: Der Wandel, in dem wir gerade stecken, wird sich noch weiter beschleunigen. Und er vollzieht sich nicht mehr länger schrittweise und in eine bestimmte Richtung – dann wäre er leicht vorhersehbar.

Nein, die Bedingungen, unter denen Unternehmen bestehen müssen, verändern sich diskontinuierlich. Abrupt. Umsturzartig.

Deshalb bleibt schlichtweg nicht mehr die Zeit, Versäumtes nachzuholen. Wer heute eine entscheidende Wegbiegung verpasst, wird möglicherweise nie mehr den Anschluss finden.

Unternehmenskultur und Disruption: Regelmäßigkeit statt Einmalübung

Deshalb sollte „Kill your company!“ nicht eine einmalige Übung sein, sondern fester und regelmäßiger Bestandteil eures Kalenders.

  • Macht einen Termin!
  • Macht die Übung!

Ich garantiere euch eine der lebhaftesten Diskussionen, die ihr in letzter Zeit hattet.

Legt los!


Fazit: Kill your Company – bevor es andere tun

  • Selbstkritik statt Selbstzufriedenheit fördern 
  • Gesunde Paranoia kultivieren 
  • Mögliche Blind Spots und Schwachstellen entlarven als Innovations- und Strategieübung