Eine Minute Stille und die Lektion, die niemand kommen sah

Eine Frage.

Ein Mann, den die Welt für sehr weise hält.

Mehr als 2000 Menschen im Saal warten auf seine Antwort.

Aber er sagt und macht nichts.

Nicht nach fünf Sekunden.

Nicht nach zehn.

Eine ganze Minute lang.

Diese Szene erzählt Sir Ken Robinson in einem Vortrag für den Commonwealth Club in Kalifornien. Sir Ken war einer der einflussreichsten Vordenker für Kreativität, Bildung und Potenzialentwicklung. Ich habe ihn zweimal live erlebt. Sein feinsinniger britischer Humor und seine gedankliche Präzision wirken bis heute nach.

In seinem Vortrag spricht er von einem Moment beim Vancouver Peace Summit, den er moderierte: 2000 Menschen im Saal, acht Personen auf dem Podium, der Dalai Lama als Ehrengast. Eine Frage aus dem Publikum. Der Dalai Lama hört zu – und schweigt. Eine ganze Minute lang.

Robinson kommentiert trocken: „Eine Minute kann erstaunlich lang sein, wenn ein ganzer Saal darauf wartet, dass ein Gedanke Form annimmt.“

Dann atmet der Dalai Lama hörbar ein.

Alle Blicke sind auf ihn gerichtet.

Die erwartete große Weisheit steht förmlich im Raum.

Doch der Dalai Lama sagt nur: „Ich weiß es nicht.“

Robinson beschreibt, wie der Saal innerlich stockte: „Wie – du weißt es nicht? Wir wissen es nicht, klar. Aber du bist der Dalai Lama!“

Dieser Moment – eine der prägenden spirituellen Stimmen unserer Zeit, die offen zugibt, etwas nicht zu wissen – trifft den Kern dessen, worum es hier geht.

Nicht-Wissen wird unterschätzt

Wir leben in einer Kultur, die schnelle Antworten feiert.

Kompetent wirkt, wer Bescheid weiß – oder zumindest so gut prompten kann, dass es nach Bescheidwissen aussieht.

Nur: In einer sich exponentiell verändernden Welt gibt es immer häufiger Situationen, in denen es keine sofortige Antwort gibt.

Je schneller und tiefgreifender der Wandel, desto wertvoller wird die Fähigkeit, Nicht-Wissen auszuhalten, gute Fragen zu stellen und erst zu beobachten, bevor man antwortet. Zukunft entsteht nicht aus Bekanntem. Sie entsteht im Raum vor der Antwort.

Dafür braucht es eine innere Haltung: zuhören statt schon in Gedanken die Antwort zu formulieren, wahrnehmen statt reflexhaft erwidern, offenbleiben, auch wenn der Impuls nach schnellen Antworten schreit.

Welche inneren Bedingungen ermöglichen diese Haltung? Zwei sind entscheidend und beide sind nicht gerade populär: den Antwortreflex abschalten und die Stille ertragen.

Reflex aus. Wahrnehmung an.

In einer Welt, in der sich Zusammenhänge ständig verändern, verlieren feste Gewissheiten schnell ihre Gültigkeit. Neue Perspektiven entstehen nur, wenn wir bereit sind, Vertrautes infrage zu stellen und gedankliche Routinen zu verlassen.

Die größte Hürde dabei ist selten fachlicher Natur. Es ist die Angst, inkompetent, unentschlossen oder uninformiert zu wirken – also nicht das Bild abzugeben, das wir gerne von uns hätten. Oder anders formuliert: die Angst, als jemand dazustehen, der oder die „es nicht weiß“.

Aber wir haben die Wahl:

  • Reflexhaft antworten, um vermeintlich zu kaschieren, dass wir etwas nicht wissen.
  • Oder: erst wahrnehmen, dann sprechen. Nicht als Unsicherheit, sondern als bewusste Unterbrechung des Autopiloten. Und ja, das kann man lernen.

Nur einer der beiden Wege führt aus der Wiederholung heraus: Neues entsteht, wenn wir über das bereits Gedachte hinausgehen.

Dieser Schritt erfordert mentale Beweglichkeit: die Bereitschaft, Gewohntes zu hinterfragen, Annahmen zu prüfen und den konstruktiven Zweifel nicht als lästige Störung der Gruppenharmonie zu begreifen, sondern als „systemrelevante Kompetenz“.

Weniger reden. Mehr verstehen.

Viele von uns tragen die Gleichung im Kopf:

Antwort = Kompetenz.

Zögern = Schwäche.

Die typischen Denkmuster, die du bestimmt auch kennst … natürlich nur von den anderen und nicht von dir selbst: erklären, bevor du verstehst; Geschwindigkeit statt Orientierung.

Wer so reagiert, spart Zeit – und zahlt später drauf.

Denn wer von einer Herausforderung direkt in die Antwort springt, forciert Dauerschleifen des immer-wieder-desselben. Was uns auf die Schnelle einfällt, ist fast immer das, was wir schon kennen – verlässlich, abrufbar und garantiert nicht neu.

Was fehlt, um Neues entstehen zu lassen, ist die Pause. Ein Moment, in dem wir nicht produzieren, sondern wahrnehmen und Orientierung gewinnen.

Stille ist kein Abbruch des Denkens. Sie ist die Voraussetzung für bessere Antworten – oder für die tiefere Einsicht, dass es diese bessere Antwort noch nicht gibt und wir daran noch arbeiten müssen.

Was wir überbewerten – und was wir übersehen

Schnelles Reagieren und der Drang nach flotten Antworten mögen professionell wirken. Doch die Kräfte, die tatsächliche Entwicklung ermöglichen, liegen auf der anderen Seite des Spektrums:

Nicht-Wissen.

Unbehagen.

Stille.

Drei Begriffe, die in keiner KPI auftauchen – und trotzdem elementar für den Fortschritt sind.

Sie sind unbequem, nicht das, was wir gelernt haben – aber genau dort beginnt jede echte Erneuerung.

Eine Einladung

Übertragen auf die Welt der Wirtschaft und darüber hinaus: Systeme kranken nicht an zu wenig Antworten, sondern an zu viel Betrieb und zu wenig Erkenntnis. Zu viel Reflex, zu wenig Reflexion. Zu viel Tempo, zu wenig Orientierung.

Wir haben kein Effizienzproblem. Wir haben ein Wahrnehmungsproblem. Nicht-Wissen, Unbehagen und Stille sind keine Störungen – sie sind die Voraussetzungen für jede Form von Neuerkenntnis. Und damit für jede echte Wertschöpfung.

Die Zukunft entsteht aus der Fähigkeit, das Richtige zu erkennen, bevor man das Nächste tut. Und diese Fähigkeit wächst nicht im Lärm der Antworten, sondern in der Pause davor.

Kompetenz liegt nicht im Reagieren, sondern im Verstehen.

Und manchmal beginnt Fortschritt mit dem ökonomisch vernünftigsten Satz, den man sagen kann:

„Ich weiß es nicht. Wie siehst du das?“

 

 

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