Disruptive Veränderung.
Sie klopft nicht. Sie schickt keine freundliche Ankündigung, bevor sie auf der Matte steht.
Sondern sie rennt einfach die Tür ein.
Niemand kann vorhersagen, wie die Zukunft aussehen wird. Nur eines ist sicher: Sie wird deutlich anders sein.
Auf Unternehmensebene stellen sich Fragen wie: Tauchen neue Wettbewerber auf, die bis dato noch gar nicht auf unserem Radar erscheinen? Wird es uns in der heutigen Form in Zukunft überhaupt noch geben? Welche Rolle werden Künstliche Intelligenz und neue Technologien spielen? Werden sie uns ersetzen oder völlig neue Möglichkeiten eröffnen? Und was passiert, wenn die eigentliche Disruption nicht aus der Branche kommt, sondern aus einer Technologie, die wir heute noch nicht einmal verstehen?
Die Frage ist, wie wir mit diesen vielen offenen Fragen, mit der Unvorhersehbarkeit des dunklen Raums klarkommen können.
– Grundsätzlich gibt es zwei Wege:
Weg 1
Wir versuchen, alle Eventualitäten einzuschätzen, Szenarien auszumalen, alles zu durchdenken, zu berücksichtigen, durchzurechnen. Das ist eine Form der Defensive: Wir akzeptieren die prinzipielle Unbeantwortbarkeit der offenen Fragen nicht und versuchen zumindest, uns den Antworten anzunähern, um einen Rest von Planbarkeit zu erhalten. Aber wie Sheryl Sandberg, Ex-COO des Facebook-Konzerns Meta, sagt: „Wer sich heute einen Plan für morgen macht, ist morgen vielleicht auf die Möglichkeiten von heute beschränkt.“
Weg 2
Wir entwickeln eine klare Idee, in welche Richtung wir gehen wollen und … legen los! Wir nutzen jene Mittel, die da sind. Machen, was möglich ist, probieren aus, lernen, adaptieren und improvisieren. Loslaufen und lernen, lernen, lernen! Und sicherlich werden wir dabei im dunklen Raum irgendwo gegen eine Wand laufen, stolpern und auch mal ausrutschen. Dann heißt es: Aufstehen und weiterlaufen!
Improvisationstalent versus klarer Plan
Welcher Weg ist der bessere in einem dunklen Raum? Die Antwort lautet: Weg 2. Weg von einem linearen, vorausplanenden Vorgehen zu einem iterativen, experimentierfreudigen Vorgehen.
Uns Deutschen liegt aber eher Weg 1: ingenieurmäßig, zuverlässig, planbar und bitte ohne Überraschungen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Tugenden von Weg 1 sind überhaupt nicht verkehrt. Sie haben uns dahin gebracht, wo wir heute sind: Deutschland gehörte lange Zeit zu den Wohlstandsgewinnern mit seiner Industrie, die auf Norm, Standard und Planbarkeit baut.
Aber genau dieses Erbe steht uns in der Zukunft massiv im Weg. Denn trotz aller Liebe zur Planung, lässt sich die Zukunft nicht handlich in A-, B- und C-Szenarien verpacken. Natürlich sind Planen, Szenarien durchspielen und rechtzeitiges Nachdenken keine Fehler. Nur sollten wir nicht den Plan mit der Realität verwechseln! Warum wir für den Umgang mit Überraschungen, die es immer wieder im Leben gibt, sehr viel mehr Improvisationstalent benötigen, darüber habe ich schon in einem vergangenen Blogbeitrag über Ella Fitzgerald geschrieben.
Boxlegende Mike Tyson hat es markant auf den Punkt gebracht:
„Everybody has a plan until they get punched in the mouth.“
Was ist wichtig für den 2. Weg?
Wenn Weg 2 derjenige ist, der uns in die Zukunft führt, dann sind drei Dinge zu berücksichtigen:
1. Ziel
Es ist eine schlechte Idee, einfach mal so loszulaufen, ohne Ziel und Richtung – mal schauen, wo es einen hintreibt. Du brauchst ein klares Einverständnis über das Ziel und damit auch bei allen in der Organisation ein gemeinsames Verständnis, wo es hingehen soll.
2. Trittsicherheit
Hat man sein Ziel bestimmt, geht es keineswegs darum, den großen Sprung zu machen und alles auf eine Karte zu setzen. Stattdessen geht es darum, mit großer Konsequenz einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das Motto des Raumfahrtunternehmens Blue Origin beschreibt es wunderbar: Gradatim Ferociter – Schritt für Schritt, aber fest entschlossen.
3. Iterative Schleife: Build-Measure-Learn
Auch wenn wir unser anspruchsvolles Ziel kennen und tausend Schritte machen, wird der Raum nicht zwangsläufig hell werden. Was in diesem Prozess noch fehlt: nach jedem Schritt messen, was gerade passiert ist. Daraus lernen und den folgenden Schritt anpassen. Prinzipiell orientiert sich diese Vorgehensweise an der von Eric Ries entwickelten Lean-Startup-Methode mit der Build-Measure-Learn-Feedbackschleife:
Bauen
Das Entwickeln und Durchführen eines Experiments.
Messen
Welche Erkenntnisse können wir aus dem Schritt ableiten?
Lernen
Wie können wir basierend auf diesen Erkenntnissen den nächsten Schritt und das nächste Experiment nachjustieren?
Dieser Prozess wiederholt sich ständig, um ständig dazuzulernen, ständig etwas mehr Licht in den dunklen Raum zu bringen.
Wenn die Zukunft ein dunkler Raum ist, kannst du die Dunkelheit entweder verfluchen – oder du zündest Experimente als deine Kerzen an.



